Schülerin mit außergewöhnlichen Verhaltensmustern

Was tue ich, wenn ....?

Schülerin mit außergewöhnlichen Verhaltensmustern

Beitragvon Kassiopeia_i » 21.11.2016, 11:18:42

Hallo liebe Community,

ich habe mich aufgrund folgender Problematik hier angemeldet und hoffe, dass mir jemand von euch möglicherweise gute Ratschläge geben kann.

Ich unterrichte seit diesem Schuljahr zum ersten Mal an einem Kolleg und habe eine Eingangsphase in Biologie. Zuvor war ich an einem regulären Gymnasium.

Die Klasse, die ich derzeit unterrichte, ist meist sehr angenehm. Der Großteil der SuS ist ziemlich ruhig und aufmerksam, sie zeigen Interesse und im Großen und Ganzen herrscht in der Klasse eine gute Atmosphäre.

Nun folgende Situation:

In der Klasse ist eine Schülerin, 18 oder 19 Jahre, die sehr ruhig und verschlossen ist, sich auch nie mit ihrem „Banknachbarn“ (zwischen den Beiden war noch ein Platz frei) unterhalten hat und sich in Partnerarbeiten sehr zurückgezogen hat.

Anfangs ist mir auch besonders aufgefallen, dass diese Schülerin auffällig dünn und sehr blass ist. Ich habe mir jedoch keine weiteren Gedanken darüber gemacht, da das bei den ein oder anderen Personen schließlich auch natürlich sein kann. In den weiteren Stunden habe ich dann immer wieder bemerkt, dass sie sehr schnell friert, müde und schwach wirkt.

Im weiteren Verlauf des Unterrichts habe ich des Öfteren mitbekommen, dass ihr Banknachbar gewichtsbezogene und dermaßen respektlose Kommentare von sich gibt, wie beispielsweise „Du bist ja mega dürr, noch 1 kg weniger und du verreckst.“ oder „Ey, mein Oberarm hat ja genauso einen Umfang wie dein Bein.“, woraufhin ich ihn gebeten habe, dies zu unterlassen. In der darauffolgenden Stunde hat dieser jedoch mit seinen Kommentaren und Handlungen überschritten. Der besagte Schüler hat, soweit ich erkennen konnte, der Schülerin an den Oberschenkel gefasst und meinte lautstark: „Alter, da komm ich ja mit meiner Hand rum.“  Die Schülerin hat zum ersten Mal etwas gegen seine Handlungen gesagt, sonst ist sie nie auf etwas eingegangen und hat jegliche Kommentare ignoriert. Was mich eher überrascht hat und worauf ich hinaus möchte, ist, dass sie meiner Meinung nach panisch reagiert hat, sehr neben sich stand und extrem abwesend war. Sie hat auch aufgehört mitzuschreiben.
Den Schüler habe ich selbstverständlich zur Rechenschaft gezogen.

Nun ja, dann folgten die ersten Ferien und die Schülerin hat sich dann zu Schulbeginn auch in jedem Fach umgesetzt. Ich habe seitdem etwas mehr auf ihr Verhalten geachtet und was mir auch immer wieder auffällt, ist, dass sie sehr weit am Rand sitzt und betrübt wirkt. Zudem habe ich das Gefühl, dass sie in den Ferien erneut abgenommen hat und wieder dünner geworden ist.

Erwähnenswert ist vielleicht auch, dass sie eine sehr gute Schülerin ist, die sich schriftlich sehr gut ausdrückt und einiges an Wissen und Vorwissen fachsprachlich korrekt vorweisen kann. Im Unterricht ist ihre Beteiligung jedoch gleich Null. Sie meldet sich nie und redet auch nie. Wenn ich sie aber aufrufe, dann gibt sie immer richtige und teilweise ausführliche Antworten.

Letzten Montag gab es dann erneut einen Vorfall. Kurz nach Beginn der Stunde ist die Schülerin aufgestanden und aus dem Klassenzimmer gegangen, was an sich noch kein Problem war, da bei uns jeder ohne zu fragen zur Toilette gehen kann. Schätzungsweise 5 Minuten später eine weitere Schülerin, die aber sofort wieder hereinkam und mich gebeten hat, mit nach draußen zu kommen. Ich habe also der Klasse eine Aufgabe zu bearbeiten gegeben und bin mit aus dem Klassenzimmer. Dort habe ich dann auch die Schülerin „angetroffen“ – umgekippt, bewusstlos. Bis der RTW gekommen ist, war ich bei ihr, habe auch zwischendurch immer wieder den Puls am Handgelenk kontrolliert. Dort sind mir dann mehrere, auch ziemlich extreme Narben aufgefallen. Bevor der RTW da war, ist sie auch wieder zu Bewusstsein gekommen. Als der Sanitäter dann die ersten Untersuchungen durchführen wollte, hat sie extreme Panik bekommen, ständig gesagt, sie sollen sie nicht anfassen und hat angefangen zu weinen. Ich habe auch vergeblich versucht, sie zu beruhigen. Als sie dann mitgenommen wurde, habe ich den Unterricht wie gewohnt fortgeführt.

Am folgenden Tag ist sie morgens ans Lehrerzimmer gekommen und wollte kurz mit mir reden. Sie hat sich bei mir bedankt, dass ich bei ihrem ehemaligen Sitznachbarn durchgegriffen habe, ich sei die Einzige gewesen, und sie hat mich gebeten, die Vorfälle für mich zu behalten. Ich habe die Situation genutzt, um mich etwas mit ihr zu unterhalten. Ich habe sie erstmal nur gefragt, ob sie sich in der Klasse wohlfühlt, sie mache einen distanzierten Eindruck. Mehr als ein „Passt schon“ hat sie aber nicht geantwortet. Dann habe ich sie darauf angesprochen, ob ihr aktueller Platz für sie okay ist, weil sie auch da sehr weit am Rand sitzt und Distanz zu ihrem Banknachbarn hält. Darauf hat sie gar nichts geantwortet.

Ich habe ihr angeboten, dass sie bei Anliegen oder Problemen jederzeit auf mich zukommen kann und mit mir sprechen kann, wenn es ihr hilft.

Mein Problem ist nur, dass mir die ganzen Situationen nicht mehr aus dem Kopf gehen. Es ist zwar schon häufiger vorgekommen, dass SuS Probleme haben, vor allem im Jugendalter, nur dieser „Fall“ lässt mich nicht mehr in Ruhe. Normalerweise fällt es mir auch nicht schwer, professionelle Distanz zu halten, es ist auch nicht meine Aufgabe, Schüler zu therapieren, etc. aber dieses Mal beschäftigt mich das. Ich versuche mir schon zusammenzureimen, was los sein könnte, wie ich ihr helfen könnte, bzw. was ich machen könnte. Das scheint mir sehr vieles zu sein; der Verdacht auf Magersucht, die „Panikattacken“ (eine bessere Bezeichnung fällt mir gerade nicht ein), die Anzeichen auf Selbstverletzung, usw. Mich nimmt das alles auch ein wenig mit.

Meine Überlegung war, ob ich nicht mit dem Klassenleiter oder der Schulpsychologin sprechen und ihnen die Situation schildern sollte. Nun hat sie mich aber gebeten, alles für mich zu behalten. Dem habe ich zugestimmt und das Vertrauen möchte ich auch nicht missbrauchen. Andererseits möchte ich auch nicht tatenlos zusehen, wenn es jemandem so offensichtlich schlecht geht.

Wie würdet ihr denn in so einer Situation vorgehen? Mir fällt gerade nichts mehr ein, obwohl ich mir schon wieder den Kopf zerbrechen könnte.

Vielleicht weiß von euch noch jemand mehr als ich und kann mir da weiterhelfen.

 Vielen Dank im Voraus.

 Liebe Grüße
Kassiopeia_i
 
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Re: Schülerin mit außergewöhnlichen Verhaltensmustern

Beitragvon krabappel » 21.11.2016, 15:54:34

Wenn ich deine persönliche Aufregung mal rausnehme, stellt sich folgendes Bild dar: du unterrichtest eine volljährige Schülerin, die physische und psychische Probleme hat.

Der erste Weg wäre für mich immer der Klassenlehrer. Möglicherweise sind schon Maßnahmen in die Wege geleitet worden, von denen du nichts weißt. Den Schulpsychologen wirst du ohne ihr Einverständnis kaum hinzuziehen können. Höchstens, um dich selbst beraten zu lassen, wie du mit der Situation umgehen könntest. Ein weiterer Ansprechpartner wäre für mich der Schulleiter. Da du bereits den Notarzt rufen musstest, musst du auch in Zukunft damit rechnen, dass die Schülerin massive Probleme hat, mit denen du ad hoc umgehen musst, da würde ich mich absichern wollen. Die Schülerin könntest du fragen, ob sie in Behandlung ist und ihr sagen, wo sie sich hinwenden kann.

Was ich möglichst nicht machen würde: ihr Problem zu meinem machen. Wenn du selbst panisch bist, bist du keine Hilfe. Und was du in einem Nebensatz sagst ist sehr wichtig: du bist keine Therapeutin. Nicht nur eigentlich und irgendwie... du bist Lehrerin. Ignorieren musst du deswegen nichts. Wenn du aber doch versuchst, Therapiegespräche zu führen, kannst du auch das Gegenteil von dem erreichen, was du erreichen möchtest.

Und zum Thema Vertrauenssache: Bei akuter Selbstgefährdung entscheidet ein Gericht über eine Zwangseinweisung. Wenn also jemand schon zusammenbricht, ist der Arzt gefragt und ein "ich sage niemandem was" sicher ein falsches Versprechen, dass du kaum halten kannst.

Verbale und körperliche Übergriffe von Mitschülern würde ich ganz deutlich unterbinden. Ggf. auch mit weiteren Maßnahmen, als nur einer Ansprache.
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Re: Schülerin mit außergewöhnlichen Verhaltensmustern

Beitragvon MarlboroMan84 » 21.11.2016, 20:44:26

Kassiopeia_i hat geschrieben:Nun hat sie mich aber gebeten, alles für mich zu behalten. Dem habe ich zugestimmt und das Vertrauen möchte ich auch nicht missbrauchen.


Dem hätte ich gar nicht erst zugestimmt. Geh zu ihr hin, sag, dass du verpflichtet bist, das weiterzugeben, und tu das.
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Re: Schülerin mit außergewöhnlichen Verhaltensmustern

Beitragvon dreistein » 22.11.2016, 0:13:30

ob ich nicht mit dem Klassenleiter oder der Schulpsychologin sprechen und ihnen die Situation schildern sollte


Ja, unbedingt! Wenn ihr schon eine Schulpsychologin im Haus habt ...

Eine Verschwiegenheitszusage zu geben, war ungeschickt. Das etwas nicht stimmt, ist ja spätestens mit dem Rettungsdiensteinsatz offensichtlich geworden.
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Re: Schülerin mit außergewöhnlichen Verhaltensmustern

Beitragvon MarlboroMan84 » 22.11.2016, 21:38:43

Ansonsten würde mich auch nicht wundern, wenn die Fragestellerin selbst die Schülerin ist.
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Re: Schülerin mit außergewöhnlichen Verhaltensmustern

Beitragvon Kassiopeia_i » 01.12.2016, 9:04:50

Danke für eure schnellen Antworten.

Ich habe diese Woche noch einmal mit der Schülerin geredet, und ihr gesagt, dass ich voreilig zugestimmt habe und ich dazu verpflichtet bin, gewisse Dinge weiterzugeben. Des Weiteren habe ich das nicht alleine zu entscheiden. Sie meinte, ihr sei das teilweise bewusst. Im weiteren Gespräch hat sie mir erzählt, was Schulleitung sowie Klassenleitung bereits wissen - nämlich lediglich, dass sie gewisse Probleme habe, mehr habe sie allerdings nie gesagt und möchte sie auch nicht.

Wir haben uns relativ lange unterhalten und sie hat mir auch ein paar Dinge anvertraut. Ich habe ihr außerdem vorgeschlagen, sich mit der Schulpsychologin zu unterhalten, und wenn sie möchte, würde ich sie dabei auch unterstützen. Sie zögerte jedoch und ist der Meinung, sie könne ihr wahrscheinlich sowieso nicht helfen, nicht einmal Psychotherapeuten haben das bisher geschafft.

Nun sehe ich meine "Aufgabe" als erledigt an, da ich getan habe was nötig ist und ihr Hilfe angeboten habe. Aufdrängen möchte ich mich nicht und sie zu therapieren ist auch nicht mein Ziel.

Ich zerbreche mir nur leider immer noch den Kopf und denke öfter darüber nach, was sie mir erzählt hat.
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Re: Schülerin mit außergewöhnlichen Verhaltensmustern

Beitragvon Unattainable » 17.12.2017, 20:43:09

MarlboroMan84 hat geschrieben:Ansonsten würde mich auch nicht wundern, wenn die Fragestellerin selbst die Schülerin ist.



schreibst du dass eigentlich unter jeden Post?
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