Schüler zur Mitarbeit motivieren?

Was tue ich, wenn ....?

Schüler zur Mitarbeit motivieren?

Beitragvon Milano » 12.12.2016, 11:52:40

Hallo alle zusammen!

Ich bin 22 und noch mitten im Lehramtsstudium. Ich studiere in NRW Englisch und Musik im Zwei-Fach-Bachelor (Gym/Ges).
An der örtlichen Sekundarschule sind im Moment einige Lehrer krank und ich bin daher für die nächsten zwei Monate als Vertretungslehrerin für Englisch in zwei Klassen angestellt (eine 9 und eine 5). Ich freue mich sehr über die Chance, bin mir allerdings auch der großen Verantwortung bewusst. Und ich habe da die ein oder andere Unsicherheit, bei der ihr mir vielleicht weiterhelfen könnt.

Ich habe heute bereits die erste Stunde in der 9 gehalten, und es war sehr anstrengend. Der Lernstand der Schüler ist extrem niedrig, ich würde sie auf dem Niveau der Klasse 5/6 einordnen. Sie verstehen kaum etwas, wenn ich es auf Englisch sage (ich habe letztendlich alles auf Deutsch wiederholt), und antworten schon gar nicht auf Englisch. Sie blocken alles ab. Alleine zum Vorlesen musste ich eine Schülerin mehrere Male auffordern. Es hat gedauert, bis ich sie überhaupt ans Arbeiten bekommen habe, dabei sollten sie sich in der ersten Aufgabe nur über das Reisen unterhalten. Ein paar von ihnen wirken fast apathisch, antworten nur mit „Ich weiß es nicht“, selbst wenn es um eigene Meinungen geht. Andere behaupten stur, sie können kein Englisch, und schreiben dann, wenn man darauf beharrt, doch einen relativ guten Text (natürlich mit einigen Fehlern, aber das ist ja erstmal zweitrangig). Ich glaube, sie trauen sich einfach viel zu wenig.
Wie kann ich die Schüler motivieren, mitzumachen? Sie sollten sich heute einfach über das Reisen unterhalten, wo sie gerne hinfahren würden, warum, wo sie schon waren etc. Wenn es da schon hapert, wie kann ich dann überhaupt grammatikalische Grundlagen ansprechen, ohne dass sie völlig zumachen?
Ich habe meine Erwartungen schon herunter geschraubt und hoffe einfach, sie zum Mitdenken und Mitreden zu bringen. Macht es Sinn, am Anfang der nächsten Stunde (morgen) nochmal zu erklären, warum es wichtig ist, so viel Englisch zu sprechen, und zu sagen, dass sie sich einfach trauen und herumprobieren sollen - völlig egal, ob nun Fehler dabei sind oder nicht?

Ein weiteres großes Fragezeichen sind für mich die Sanktionen. Ich war in einer Projektstunde in der 5 dabei, dort wurden am laufenden Band Schüler aus dem Raum geschickt. Es hat auch funktioniert. Das möchte ich jedoch nicht, gerade als Lehramtsanwärterin möchte ich meine Aufsichtspflicht nicht verletzen. Ich könnte den Schüler natürlich im Raum von den anderen trennen. Nach hinten setzen und ihn/sie etwas schreiben lassen. Einen kleinen Aufsatz zum Thema "Warum Regeln im Unterricht wichtig sind" oder ein paar englische Sätze zum Abschreiben. Oder ich drohe ein Gespräch mit dem Klassenlehrer an. Ich würde aber gerne eine direkte, offensichtliche Konsequenz zeigen. Was denkt ihr, gibt es da noch andere Möglichkeiten?

Ich hoffe, ihr könnt mir helfen. Ich bin ganz zuversichtlich, im Moment allerdings einfach etwas überfordert.

Liebe Grüße,
Milano
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Re: Schüler zur Mitarbeit motivieren?

Beitragvon Rayanne » 12.12.2016, 12:10:06

Zur Motivation:

- grundsätzlich: Du bist noch nicht im Ref gewesen und hast noch nicht mal zu Ende studiert - erwarte nicht von dir, dass du alles sofort hin bekommst wie jemand, der schon jahrelang dabei ist. Es ist toll, dass du diese Chance nutzt. Versuche v.a. für dich etwas Positives heraus zu ziehen. Wenn die Schule auf unausgebildete Lehrer zurückgreift, kann sie nicht erwarten, dass es genauso läuft wie bei einem erfahrenen Lehrer. Insofern: Wenn du 5 Schüler drin hast, die einfach gar nix machen, dann biete diesen natürlich immer die Möglichkeit, sich zu beteiligen, mach dich aber nicht verrückt, wenn sie es nicht tun. Leg lieber deinen Schwerpunkt darauf, in diesen zwei Monaten für dich didaktische Methoden auszuprobieren und dich in der Kommunikation mit Schülern zu üben. Das nimmt vielleicht etwas Druck heraus und du fühlst dich wohler (was meist auch dazu führt, dass die Beteiligung im Unterricht steigt).
- Wenn die Schüler so unsicher sind, helfen oft Methoden, die Sicherheit schaffen. Z. B. kannst du bei offenen Fragestellungen (was magst du im Urlaub?) den Auftrag geben, dass zunächst jeder drei Punkte aufschreibt. Mit den Zetteln in der Hand diskutiert es sich schon leichter! Oder jede 4-er Gruppe soll vier Sachen auf einen Zettel schreiben, diese werden dann neu gemischt innerhalb der Gruppe, und dann kann jedes Gruppenmitglied einen Fremdbeitrag vorstellen. Bei Fremdbeiträgen sind Schüler meist nicht so unsicher, denn ein möglicher Fehler fällt dann nicht mehr auf sie selbst zurück. Auch Murmelrunden eignen sich, um Unsicherheiten abzubauen (Murmelrunde = wenn bei einer offenen Frage keine Antwort kommt gibst du 1-2 Minuten, in denen man mit seinem Nachbarn reden kann. Dann wurden ja bei jedem Paar schon Antworten formuliert, und man kann theoretisch jeden Schüler aufrufen danach). Auch sinnvoll: Mögliche Antworten schon schriftlich vorgeben (Folie) und zunächst diskutieren lassen, erst danach die Frage offen an die Schüler zurückgeben.

Zu Sanktionen:
Da gibt es schon sehr, sehr viele Threads, da wirst du bestimmt fündig. Das kommt sehr auf die Lehrerpersönlichkeit an, was hilft.
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Re: Schüler zur Mitarbeit motivieren?

Beitragvon krabappel » 12.12.2016, 15:39:41

Ich würde auch Satzbeispiele sammeln, z.B. gemeinsam an der Tafel. Gib ihnen Hilfe, aber bestehe auf die Aufgabe. Dann soll jeder einen Satz sagen, kann ihn zur Not ablesen. So dass du selbstverständlich davon ausgehst: in meinem Unterricht wird gesprochen. Das muss man nicht erklären, aber kurz und bündig daran erinnern.

Die 5er möglichst beschäftigen, nicht zu viel Unterrichtsgespräch. Und dann versuchen, alle im Blick zu haben. Erst wenn alle Stifte liegen, jeder nach vorne schaut, erklärst du die Aufgabe. Tim, dreh dich nach vorn. Lisa, dein Mund ist zu... und schreib dir die Arbeitsaufträge vorher auf, sonst verhedderst du dich und keiner hört mehr zu.
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Re: Schüler zur Mitarbeit motivieren?

Beitragvon MarlboroMan84 » 14.12.2016, 16:40:24

Milano hat geschrieben:. Das möchte ich jedoch nicht, gerade als Lehramtsanwärterin möchte ich meine Aufsichtspflicht nicht verletzen.


Du bist keine Lehramtsanwärterin, das ist eine Amtsbezeichnung, die hast du noch nicht.

Grundsätzlich kann man Schüler natürlich aus dem Unterricht verweisen, das ist auch im SchulG so festgehalten:
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(2) Zu den erzieherischen Einwirkungen gehören insbesondere das erzieherische Gespräch, die Ermahnung, Gruppengespräche mit Schülerinnen, Schülern und Eltern, die mündliche oder schriftliche Missbilligung des Fehlverhaltens, der Ausschluss von der laufenden Unterrichtsstunde,

§53 SchulG NRW
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Deine Aufsichtspflicht verletzt du dabei nicht. Die Schüler müssen sich nur beobachtet fühlen, sie müssen nicht permanent beobachtet werden. Sinnvollerweise schickt man die Schüler mit einer Aufgabe nach draußen, ob die derzeitige Aufgabe draußen weiter bearbeitet wird oder eine Reflexionsaufgabe zum Verhalten gegeben wird, ist dir überlassen und kommt auf die Situation an. Ab und zu einen Blick nach draußen werfen reicht dann völlig aus. (Förderschüler mal ausgenommen, hier kommt das auf den Einzelfall und den Förderschwerpunkt an). Alternativ zum Klassenlehrer in den Unterricht schicken.

Falls ein Schüler sich einfach verdrückt, hat er deine Anweisungen mißachtet und somit erlischt die Aufsichtspflicht. Das Missachten der Anweisung (z.B. setz dich vor die Tür und arbeite) sollte dann deutlich schärfer sanktioniert werden, und zwar durch Klassenlehrer und/oder Schulleitung (evtl. im Rahmen einer Ordnungsmaßnahme)
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Re: Schüler zur Mitarbeit motivieren?

Beitragvon Katta » 18.12.2016, 15:55:04

Ich würde auch sagen, verabschiede dich von der Vorstellung, dass du alle Schüler motivieren kannst. Gerade als Neuntklässler und je nachdem, was da zu Hause oder im Privatleben so los ist, haben die mitunter deutlich größere Probleme, als der Englischunterricht.

Unsichere und schwache Schüler sind mit offenen Diskussionen überfordert. Gib klare Strukturen vor, lasse sie sich kurze Notizen machen, wenn du sie unbedingt miteinander reden lassen möchtest, nutze Tandembogen.
Nutze das think - pair - share Modell: Frage stellen, jeder macht sich still für sich ein paar Gedanken (bzw. Notizen, das ist verbindlicher), kurzer Austausch mit dem Sitznachbarn, danach nimmst du irgendwen dran, denn es haben sich ja alle vorbereiten können (share auf Freiwilligenbasis nur bei "sensiblen" Themen oder wenn die Klasse insgesamt gut funktioniert - umkooperative Schüler arbeiten nämlich sonst auch in der T und P Phase nicht, wenn sie nicht wissen, dass sie aufgerufen werden können -- du wirst aber auch auf Schüler treffen, denen das egal ist, denen auch ihre Noten egal sind).

Da greife ich zurück auf Rayenne: Du bist totaler Anfänger, ganz ehrlich, sieh zu, dass du halbwegs strukturierte Stunden hinlegst, übe schon mal ein klares Stundenziel zu setzen und diese Stunde dann entsprechend mit Einstieg - Erarbeitung - Sicherung zu phasieren.
Du musst die Klasse auch deutlich besser kennenlernen, um sie wirklich diagnostizieren zu können (sind sie wirklich unsicher, testen sie dich gerade einfach nur, haben sie vielleicht keine Lust, haben sie vielleicht so große Probleme, das Unterricht tatsächlich schlicht sekundär ist, wo genau sind überhaupt die Schwächen... das alles ist komplizierter, als es die Uni-Didaktik mitunter vermitteln will... und auch deutlich einflussreicher, als die Uni-Didaktik einen glauben machen möchte - wenn dein Unterricht nur schülerorientiert und lebensnah genug ist, erreichst du schon alle, egal, ob der Vater einen in der Nach wieder wachgehalten hat, weil er sich mit seinen Kumpels besoffen und dann die Mutter angeschrien hat; ob die erste Freundin gerade mit einem Schluss gemacht hat; die Mutter gerade eine Krebsdiagnose erhalten hat; oder man gerade eine schlechte Note in Deutsch wieder bekommen hat... im Leben der Schüler passiert viel, da interessiert das passive aus nachvollziehbaren Gründen nicht - oder die Reisepläne, von denen je nach Einzugsklientel deine Schüler eh wissen, dass sie nie Realität werden - vielleicht waren sie auch schlicht noch nie auf Reisen, weil ihre Familien da einfach kein Geld dafür (und/oder kein Interesse daran) haben...)
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