Fachfremder Unterricht

Grundsätzliche Fragen zum Referendariat können hier gestellt werden

Re: Fachfremder Unterricht

Beitragvon Jula13 » 20.07.2018, 13:07:13

Dann hätte ich in meiner gesamten Sek I-Schüler-Zeit keine einzige Mathestunde gehabt. Mein Mathelehrer war ein Mikater, der in seinem ersten Leben Diplomchemiker gewesen war.
Nee, der Unterricht war nicht gut. Tatsächlich hat der Klassenprimus ihm oft auch Fehler nachgewiesen. Aber ob es die bessere Alternative gewesen wäre, sechs Jahre lang gar keinen Matheunterricht gehabt zu haben, wage ich doch arg zu bezweifeln.
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Re: Fachfremder Unterricht

Beitragvon Max_Cohen » 20.07.2018, 13:25:07

Jula13 hat geschrieben:Dann hätte ich in meiner gesamten Sek I-Schüler-Zeit keine einzige Mathestunde gehabt. Mein Mathelehrer war ein Mikater, der in seinem ersten Leben Diplomchemiker gewesen war.
Nee, der Unterricht war nicht gut. Tatsächlich hat der Klassenprimus ihm oft auch Fehler nachgewiesen. Aber ob es die bessere Alternative gewesen wäre, sechs Jahre lang gar keinen Matheunterricht gehabt zu haben, wage ich doch arg zu bezweifeln.


Ich bin mittlerweile zu dem Schluss gelangt, dass man an professionelles Handeln in der Schule höhere Standards ansetzen muss als an professionelles Handeln in der Medizin. Es gibt eine freie Arzt-, aber keine freie Lehrerwahl, und Behandlungen kann ablehnen, die Schule ist aber eine Zwangsveranstaltung. Daraus leite ich einen Anspruch des Schülers auf lernwirksamen Unterricht ab und stehe dem ganzen Seiteneinstiegsgeschäft äußerst kritisch gegenüber.

Man muss sich auch von der Vorstellung verabschieden, dass Unterricht einfach "stattfinden" oder "gehabt werden" kann. Die Fragestellung ist also: War der Unterricht lernwirksam? Und was hat sich bei dir auf der affektiven Ebene getan - kannst du von der Freude berichten, Mathematik zu betreiben? Wenn dabei nichts gutes herausgekommen ist, dann kann ich auch als promovierter Fachmann, der ich nebenbei noch bin, sagen: Ja, es wäre besser gewesen, wenn man frei gehabt hätte.
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Re: Fachfremder Unterricht

Beitragvon tiger » 20.07.2018, 14:18:04

Jula13 hat geschrieben:ob es die bessere Alternative gewesen wäre, sechs Jahre lang gar keinen Matheunterricht gehabt zu haben

Das ist nicht die Alternative zu Seiteneinsteigern. Die Alternative wäre gewesen, sich rechtzeitig darum zu kümmern, dass vollausgebildetes, qualifiziertes Personal zur Verfügung steht.

Ob in den 1960er Jahren oder heute: Wann ein Kind in die erste Klasse kommt, wissen die Behörden mit sechs Jahren Vorlauf. Bei der Sekundarstufe I sind es immerhin zehn Jahre, bei der Oberstufe 16 Jahre und bei den Universitäten 18 bis 20 Jahre. Eigentlich sollte das für die Ausbildungs- und Personalplanung ausreichen.
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Re: Fachfremder Unterricht

Beitragvon tiger » 20.07.2018, 14:19:52

Max_Cohen hat geschrieben:mit Anfeindungen auseinandersetzen, wenn ich Leute darauf hinweise, dass sie mal ein Buch in die Hand nehmen sollten

Kein Wunder, wenn du Ihnen das mit diesen Worten sagst. Unabhängig davon, ob es stimmt, dass diese "Leute" niemals ein Buch in die Hand nehmen, ist der Hinweis unverschämt.
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Re: Fachfremder Unterricht

Beitragvon Max_Cohen » 20.07.2018, 16:21:31

tiger hat geschrieben:
Max_Cohen hat geschrieben:mit Anfeindungen auseinandersetzen, wenn ich Leute darauf hinweise, dass sie mal ein Buch in die Hand nehmen sollten

Kein Wunder, wenn du Ihnen das mit diesen Worten sagst. Unabhängig davon, ob es stimmt, dass diese "Leute" niemals ein Buch in die Hand nehmen, ist der Hinweis unverschämt.


Ich formuliere es schon etwas blumiger, aber im Kern der Sache ist es doch so: Wenn mir an der Uni jemand gesagt hat, ich müsse für eine Diskussion an einem bestimmten Termin folgende Papers/Bücher durcharbeiten, dann war das ein völlig normaler Vorgang unter Akademikern; ohne Vorwissen keine Diskussionsgrundlage, und Diskussionen ohne Diskussionsgrundlage sind Zeitverschwendung.
Überspitzt formuliert kenne ich zwei Arten von Kollegen: Diejenigen, mit denen ich mit Hilfe von Fachbegriffen präzise diskutieren kann (ich frage sie, wenn sie mir unbekannte Fachbegriffe verwenden und umgekehrt, wir empfehlen uns gegenseitig Literatur), und diejenigen, die Fachbegriffe irgendwo aufgeschnappt haben und als Worthülsen verwenden, um gelehrig zu klingen. Da ich auch mit letzteren professionell zusammenarbeiten muss, versuche ich natürlich, denen auch Angebote zu machen, damit das möglich ist.
Beispiel: Wie soll ich mit jemandem erzieherisch sinnvoll zusammenarbeiten, der "intrinsische Motivation" als Worthülse verwendet und dies für ein zeitstabiles Persönlichkeitsmerkmal hält? Dadurch wird doch per se jede wirksame Möglichkeit zur Motivationsförderung abgelehnt. Was soll ich dazu groß sagen außer "Das ist aber psychologisch so nicht haltbar, lass mal bitte gemeinsam bei Hasselhorn/Gold nachlesen?".
So etwas kommt natürlich in Bezug auf die Fachdidaktik noch häufiger vor, wenn man mit Fachfremden oder Nachgeschulten ("Zertifaktskurs") zusammenarbeitet.
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