Abbruch 2019

Abbruch 2019

Beitragvon Palatine » 09.02.2019, 17:21:13

Hey ihr,

altes Thema - neues Jahr. Ich (Ende 20) hadere mit meinem Ref. Nach etwa 2 Monaten an Schule und Seminar realisiere ich mehr und mehr, dass das Lehramt nicht mein Weg zu sein scheint.
Kurze Vita: B. ed. / M. ed. Anglistik und Geo, Studium ohne Praxis-Semester, dafür 4x 3 Wochen Praktika. Nach meinem Abschluss arbeitete ich ein halbes Jahr als Nachhilfe-Lehrer in einer privaten Einrichtung. Das Ref ist in guter Lage, Schule (angenehmes Kollegium, keine "Brennpunkt-Schule") und Seminar sind keine 30min vom Wohnort entfernt. Dort liegen meine Zweifel auch nicht. Ich bin verheiratet, ohne Kinder.

Für das Lehramt hatte ich mir entschieden, weil ich (a) meine Fächer liebe, (b) gern erklärte und überzeugt war, auch unterrichten zu können und (c) der Beruf attraktiv erschien.
Mit vorangeschrittenem Studium und erfolgreichen Prüfungen wuchs der Druck, "weiter zu machen", den Master abzuschließen. Danach, natürlich, das Ref. Ich komme mir vor wie in einem Tunnel weiterzumachen, funktionieren zu müssen. Mit dem Master wurde ich introvertierter, verschlossener - stiller. Nun kämpfe ich mich morgens aus dem Bett, kann mich kaum aufraffen, 2-3 Unterrichtsstunden zu planen. Das dauert dann gern mal das ganze Wochenende oder mehrere Nachmittage bzw. Abende nach dem Unterricht. Der Druck wächst weiter; auch wenn ich das Gefühl habe, ihn mir selbst zu machen. Dabei habe ich nichtmal 4 Stunden angeleiteten Unterricht die Woche.

Ich bemerke, wie ich kaum noch zu hören bin, nuschle und Gänsehaut bekomme, wenn ich vor einer lauten Klasse stehe und sie nicht bändigen kann. In Gesprächen mit Lehrkäften oder einzelnen Schülern müssen diese manchmal nachfragen, weil sie mich nicht verstehen. Für UBs und Lehrproben sehe ich da schwarz. Auch das Unterrichten von > 20 Kindern fällt mir schwer: die Unterbrechungen, Unvorhergesehenes, die eigene Konzentration auf meinen Kram. Am Ende schweife ich von der Planung ab und schreibe Regeln einfach an die Tafel. Ich verliere dabei nicht nur Mut, sondern auch Lust am Unterrichten. Auch denke ich, dass man mir eine wachsende Unsicherheit ansieht.

Sprachlich (Englisch) habe ich das Gefühl, abzubauen, ein schlechtes Englisch zu sprechen und mich wenig ausdrücken zu können. Negative Rückmeldungen gab es zwar während Studium und Ref noch nicht, ich muss mich aber ungemein anstrengen, komplexe Sätze zu bilden. Oberstufen-Kurse unterrichte ich zwar noch nicht, mir grauts´ aber vor den komplexen Thematiken und teilweise vor SuS, die gerade aus dem Ausland kommen.

Ich benötige Rat, ob ich in meiner Situation weiter machen soll oder nicht. Ich habe mich niemanden geöffnet. Meine Frau merkt, dass etwas "im Busch ist". Meine Schwiegereltern haben immer mal wieder gesagt, dass ein abgebrochenes Ref vollkommen bescheuert ist. Meine eigene Familie weiß nichs. Meine AusbilderInnen und MentorInnen wissen zwar nichts, merken jedoch dass ich immer recht froh bin, sobald der Unterricht vorbei ist und ich ungern darüber sprechen möchte.

Vielen Dank für Eure Zeit, das alles zu lesen.

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Re: Abbruch 2019

Beitragvon tiger » 09.02.2019, 19:09:42

Palatine hat geschrieben:(a) meine Fächer liebe, (b) gern erklärte und überzeugt war, auch unterrichten zu können und (c) der Beruf attraktiv erschien.

Falls mit dem sehr allgemein formulierten Punkt (c) etwas in Richtung "gute Bezahlung", "sichere Stelle", "viele Ferien" o. ä. gemeint sein sollte, dann fehlt das wesentliche Kriterium: Man muss sich für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen begeistern können. Die Liebe zum Fach ist demgegenüber nachrangig, und (b) kannst du leider nicht beurteilen.

Palatine hat geschrieben:Ich bemerke, wie ich kaum noch zu hören bin, nuschle und Gänsehaut bekomme, wenn ich vor einer lauten Klasse stehe und sie nicht bändigen kann. In Gesprächen mit Lehrkäften oder einzelnen Schülern müssen diese manchmal nachfragen, weil sie mich nicht verstehen. (...) Sprachlich (Englisch) habe ich das Gefühl, abzubauen, ein schlechtes Englisch zu sprechen und mich wenig ausdrücken zu können.

Das sind Kleinigkeiten, an denen man arbeiten könnte.

Palatine hat geschrieben:Ich verliere dabei nicht nur Mut, sondern auch Lust am Unterrichten.

Das ist ein eindeutiges Warnsignal. Denk daran, dass du 45 Berufsjahre vor dir hast. Wie willst du das gesund durchstehen, wenn dir schon ganz am Anfang die Lust auf den Beruf fehlt?

Palatine hat geschrieben:Meine Schwiegereltern haben immer mal wieder gesagt, dass ein abgebrochenes Ref vollkommen bescheuert ist.

Eine typische Aussage für eine Generation, in der Sprüche wie "was du dir eingebrockt hast, musst du auslöffeln" oder "man gibt nicht einfach auf" an der Tagesordnung waren. Ein besserer Rat wäre, so früh wie möglich die Notbremse zu ziehen. Ein Karrierewechsel wird umso schwieriger, je älter du wirst.
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Re: Abbruch 2019

Beitragvon Löwenherz » 09.02.2019, 20:52:43

Ich kann dir nur ganz dringend ans Herz legen das offene Gespräch mit deinen Ausbildern zu suchen. Ob der Schuldienst dein Weg sein könnte oder nicht kann hier keiner beurteilen, auch wenn es ein paar Hinweise gibt, dass zumindest ein "Augen zu und durch" womöglich der falsche Weg sein könnte für dich. Dennoch sollte man auch nicht unterschätzen, welche Anstrengung das Ref bedeutet und wie vielen Herausforderungen man sich stellen muss.

Ich bin selbst ziemlich perfektionistisch veranlagt, was mir gerade in der ersten Zeit des Refs eine immense Bürde war: Mit meinen Planungen war ich auch nach Stunden nicht fertig, weil ich immer noch unzufrieden war, in den ersten UBs habe ich mich vor lauter Selbstdruck es "jetzt aber richtig zu machen" selbst lahm gelegt. Ich habe sehr sehr offen mit meinen Ausbildern an Schule und Seminar gesprochen und dann schrittweise daran gearbeitet meine Planungen effizienter zu gestalten, statt immer einer vermeintlichen Perfektion hinterherzujagen.

Sprich also mit deinen Ausbildern ehe du eine Entscheidung fällst und hol dir deren Rat, wie du vielleicht erstmal noch versuchen kannst an dir zu arbeiten oder entscheide dich dann eben auf der Basis einer ehrlichen Rückmeldung (wie diese dich im Unterricht wahrnehmen, welche Stärken und Schwächen sie sehen, ob sie den Eindruck haben, du wärst geeignet für den Beruf und könntest die Dinge die dir jetzt noch schwer fallen lernen im Laufe des Refs).

Lehramt ist ein Beruf, den viele sich anders vorstellen, als es dann tatsächlich ist, insofern ist es besser jetzt im Ref zu merken, dass es vielleicht nicht dein Weg ist und dich dann umzuorientieren. 2 Monate sind aber einfach mal gar nichts, da bist du noch nichtmal richtig drinnen im Ref und eigentlich erst an dem Punkt, dass du sehr genau merkst, was du alles noch nicht kannst um ein guter Lehrer zu sein. Ob du es lernen kannst im Laufe des Refs und wie es sich für dich anfühlt vor einer Klasse zu stehen, wenn die Planung des Unterrichts oder auch die Klassenführung dir etwas leichter von der Hand gehen weißt du nach so einer kurzen Zeit noch nicht, deine Mentoren/Ausbildern haben diesbezüglich aber durchaus bereits Erfahrungswerte.
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Re: Abbruch 2019

Beitragvon Palatine » 10.02.2019, 18:27:42

Hey,

erstmal Danke für Eure schnellen und ehrlichen Antworten. Allein mir das Ganze mal von der Seele zu tippen, tat ungemein gut.
Da ich leider das mit dem Zitieren nicht hinbekomme, zitiere ich hier manuell: erstmal tiger

"Falls mit dem sehr allgemein formulierten Punkt (c) etwas in Richtung "gute Bezahlung", "sichere Stelle", "viele Ferien" o. ä. gemeint sein sollte, dann fehlt das wesentliche Kriterium: Man muss sich für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen begeistern können. Die Liebe zum Fach ist demgegenüber nachrangig, und (b) kannst du leider nicht beurteilen."
--> danke für diese Worte. Ich habe meinen Text ohne vorheriges Überlegen runtergetippt und offen gelegt, dass ich mit dem Begeistern der SuS meine Probleme habe. Das verläuft m.E. durch meine Introvertiertheit und Passivität spiralförmig. Ich muss das definitiv mit meinen Ausbildern besprechen.

"Eine typische Aussage für eine Generation, in der Sprüche wie "was du dir eingebrockt hast, musst du auslöffeln" oder "man gibt nicht einfach auf" an der Tagesordnung waren."
--> da ging der Frust bei mir durch. Mit etwas Abstand betrachtet ist die Meinung von Familie und Bekannten zwar nicht völlig zu ignorieren, sollte mich aber auch nicht so tangieren.

@ Löwenherz: Danke für diese lange und tiefgründige Nachricht. Ich muss mich meinen Ausbildern öffnen, bevor sie meine Zweifel als Abneigung oder Missmut auslegen. Des Weiteren werden die ersten acht Wochen von mir nicht weiter als Dauerzustand gesehen, da nehme ich die Erfahrungen meiner MentorInnen an. An der Effizienz der Stundenplanung muss ich auch arbeiten, nur nicht allein. So hatte ich mich öfters mal gefühlt.

Generell möchte ich mal sagen, dass allein das Öffnen in diesem Forum einige Energie freigesetzt hat. Vielen Dank für Eure Hilfe und eingebrachte Zeit. Ich halte Euch auf dem laufenden, wie es sich entwickelt.

Beste Grüße

p.s wie zitiere ich hier? Sobald ich den Reiter "Quote" anklicke springt meine Seite an kurz an eine andere Stelle. Passiert ist aber nichts. Ich dachte auch, ich müsse Text markieren und dann "Quote" anwählen - was aber auch nicht klappte.
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Re: Abbruch 2019

Beitragvon Löwenherz » 10.02.2019, 20:19:47

Rechts oben an allen Beiträgen ist der Button "Zitieren"- anklicken, dann ist der komplette Text vorausgewählt. Im folgenden Fenster kannst du bei Bedarf Teile löschen.
___________________________________

Schön,wenn wir dir hier etwas Mut machen und weiterhelfen konnten. Was das Begeistern deiner SuS anbelangt: Auch darin wirst du besser werden, je mehr Stunden du hältst. Hör deinen SuS zu was sie interessiert und begeistert, dann wird der Lebesweltbezug immer besser werden. Nimm zusätzlich deine eigene Begeisterung für Fachinhalte als Ausgangspunkt um SuS zu motivieren. Frag auch einfach mal deinen Mentor, wo er beim jeweiligen Thema den Lebensweltbezug der SuS sieht. Viele Mentoren sind dank jahrelanger Berufserfahrung sehr fit in diesen Dingen (habe da zu Beginn enorm von meinem einen Mentor profitiert, inzwischen ist das wechselseitig und er freut sich auch mal von meinen guten Ideen zu profitieren, da sind wir echt zu einem Team zusammengewachsen).

Setz dir für die Stundenplanung klare Zeitmarken wie lange du dir erlaubst an einer einzigen Stunde zu tüfteln und reduzier´ diese Zeitfenster schrittweise solange es sich nicht um eine UB-Planung handelt.

Versuch´ dir für die Arbeit im Klassenraum eine professionelle "öffentliche Rolle" zuzulegen, die weniger introvertiert und leise ist, als du es womöglich im Privatleben bist. Diese öffentliche Rolle ist z.B. stark, mutig, präsent, weiß was sie will und kann das entsprechend artikulieren. Das ist ein wenig eine Übungsfrage, mit der Zeit wird es dir aber gelingen dir diese berufliche Haltung bewusst überzustreifen, wenn du das Schulhaus betrittst. Du wirst sehen, je klarer du dir in dir selbst bist was du willst, desto leichter wird dir auch die Klassenführung fallen. Eventuell könnten die Texte von Schultz von Thun zum sogenannten "Inneren Team" dir hier weiterhelfen bei der Entwicklung einer klareren beruflichen Haltung und Rolle.

Ganz wichtig: Vertrau dir selbst! Dein Englisch wird sicherlich rein objektiv betrachtet nicht plötzlich schlechter. Stress kann aber dazu führen, dass wir bereits vorhandenes Wissen schlechter oder zeitweise sogar einmal gar nicht abrufen können (habe 3 Jahre meines Lebens während einer schweren Erkrankung kein Wort Französisch mehr sprechen oder auch nur verstehen können, dabei habe ich ein C2-Niveau...). Glaub an dich selbst, mach dir bewusst, was für ein mächtiger Faktor Stress ist und dass das Ref dich gerade zu Beginn- bis du ein paar Routinen entwickelt hast- erstmal an den Anschlag bringen kann.

Und wenn deine Familie dir mal wieder sagt, dass ein Abbruch absolut keine Option ist, sag dir selbst, dass es um dein Leben geht, nicht um ihres und sag ihnen vielleicht, dass sie dir damit nur noch mehr Druck machen, nicht aber helfen mit der Situation umzugehen und deinen Weg zu finden.
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