Forderung: Abschaffung ZfsL/Studienseminar

Konstruktive Kritik - das Referendariat muss reformiert werden! Eure Vorschläge...
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Free mind
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Registriert: 08.02.2020, 19:51:01

Forderung: Abschaffung ZfsL/Studienseminar

Beitrag von Free mind »

Hallo,

meiner Meinung nach wäre es besser wenn man die ZfsLs abschaffen würde.

Gründe: Die hauptsächliche Arbeit findet eh an der Schule statt. Die Schule kann am besten beurteilen, ob man geeignet ist und am besten die Qualität der Arbeit beurteilen.

Am Seminar ist man der Willkür der Seminarleiter ausgesetzt, die meistens danach urteilen ob Ihnen die Nase gerade passt oder nicht.

Max_Cohen
Beiträge: 161
Registriert: 01.06.2017, 21:37:07
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Re: Forderung: Abschaffung ZfsL/Studienseminar

Beitrag von Max_Cohen »

Hallo,

hier werden einige Dinge vermischt. Falls es Verwirrungen über Zuständigkeiten gibt, dann liegt dies daran, dass ich aus NRW-Sicht schreibe.

1. Der Lehrerberuf kann und muss erlernt werden. So etwas wie eine "Eignung", die man anderenorts als "Lehrerpersönlichkeit" bezeichnet, ist eine Fehlvorstellung. Nur eine winzige Minderheit ist aufgrund problematischer Persönlichkeitsmerkmale (z.B. sehr neurotisch oder sehr unzuverlässig) mit hoher Wahrscheinlichkeit ungeeignet (vgl. Kapitel 1 in Wisniewski - Psychologie für die Lehrerbildung).
Zudem sind diese Erkenntnisse in Schulen kaum bekannt, sodass gerade hier mit Willkür zu rechnen wäre. Andererseits lässt man in Schulen auch viel zu häufig unfähige Lehrkräfte unter dem Deckmantel der "pädagogischen Freiheit" gewähren, sodass zusätzlich zu befürchten wäre, dass zu viele Unqualifizierte durchrutschen.

2. Die Ergebnisse von Schulleistungsuntersuchungen, großen Videostudien (IPN, COACTIV, ...) etc. kann man durchaus als starke Hinweise darauf interpretieren, dass es erhebliche Defizite in der Unterrichtsqualität gibt. Anekdotische Evidenz unterstützt dies fast immer, denn ich habe bislang nur wenige Lehrer kennengelernt, die hinreichend wissenschaftsbasierte subjektive Theorien zur Unterrichtsqualität haben. "Interessanterweise" waren die meisten davon Seminarausbilder. In Schulen wird intern häufig so verfahren, dass man im Medizinbereich von "Quacksalberei" sprechen müsste. Konkretes Beispiel: Kennst Du eine einzige Schule, die ein erwiesenermaßen wirksames Förderkonzept gemäß RTI implementiert hat? Eher sollen sich Schüler, die bereits erhebliche Defizite haben, in Extra-Stunden ("Lernbüros" o.ä.) alles selbst beibringen - nur wenn sie das könnten, würden sie dort nicht sitzen. Zusätzlich werden sie mit Material aus den Kopierhöllen der Verlage versorgt, mit dem das auch einem sehr guten Schüler kaum möglich wäre.
Was - abgesehen von einer problematischen beruflichen Sozialisation - soll eine isolierte Ausbildung in der Schule beitragen? Ich sehe es eher umgekehrt: In der Schule wird z.T. qualitativ hochwertige Seminarausbildung ruiniert.

3. Auch wenn es zweifelsohne schwarze Schafe unter Fachleitern gibt: Dies ist der einzige Teil des Berufsstands Lehrer, der ansatzweise angemessen systematisch fortgebildet wird. Lehrkräfte an Schulen müssen dies selbst in die Hand nehmen.
Da ich all diese Horrorstorys vor meinem eigenen Referendariat zur Kenntnis genommen habe, habe ich mich selbst mit Absicht häufig als Protokollant in Nachbesprechungen gesetzt, um mir ein fundierteres Bild zu machen. Auch stark kritisierte Fachleitungen haben dabei in meiner Stichprobe gut nachvollziehbare, z.T. anhand von Mängeln in den Entwürfen gar antizipierbare Nachbesprechungen geführt. Auch die Bewertungen waren stets im Rahmen des Nachvollziehbaren. Das Problem lag i.d.R. daran, dass die Referendare keine ausreichenden Kenntnisse zur Unterrichtsqualität und Fachdidaktik hatten und mit den Äußerungen einfach nichts anfangen konnten. Und wenn man dann noch den Unterschied zwischen Persönlichkeit und Verhalten nicht kennt, ist die Horrorstory fertig.

Ich plädiere sogar für noch mehr Seminarausbildung, da Unterrichtsbesuche viel zu häufig zu isolierten Showstunden gemacht werden, um die herum eine fiktive "Reihe" erfunden wird. Gerade die immens schwierige und für den Einzellehrer gar nicht zu bewältigende Reihenplanung müsste professionell begleitet werden.
Zudem müsste es konkrete Lehrerverhaltenstrainings geben (Classroom Management, effektives Instruieren, Gesprächsführung,...), für die es in Schulen gar nicht die Ressourcen gibt.

Yubel
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Registriert: 05.04.2020, 18:23:24
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Re: Forderung: Abschaffung ZfsL/Studienseminar

Beitrag von Yubel »

Free mind hat geschrieben:Hallo,

meiner Meinung nach wäre es besser wenn man die ZfsLs abschaffen würde.

Gründe: Die hauptsächliche Arbeit findet eh an der Schule statt. Die Schule kann am besten beurteilen, ob man geeignet ist und am besten die Qualität der Arbeit beurteilen.

Am Seminar ist man der Willkür der Seminarleiter ausgesetzt, die meistens danach urteilen ob Ihnen die Nase gerade passt oder nicht.
Hallo,
die Frage ist, was an die Stelle der Studienseminare treten soll. Liegt dann alleine bei der Ausbildungsschule die Beurteilung? Dann wären wir wieder in der gleichen Situation, nämlich dass auch die Schulleitung und/oder die Mentoren - je nach Bundesland - willkürlich beurteilen könnten - diesmal sogar ohne ein mögliches Gegengewicht des Studienseminars. Der Schutz vor "Willkür" wäre demnach zumindest theoretisch nicht kleiner. Umgekehrt gibt es auch hier im Forum Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst, die positiv von ihrem Studienseminar berichten. Was die weitere Argumentation angeht und auch mit Blick auf eine vielleicht notwendige Reform der Lehramtsausbildung, schließe ich mich meinem Vorredner an.
Viele Grüße

Yubel

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