Erfahrungsbericht zum Mutmachen - werft mit Steinen:)

Du hast positive Erfahrungen mit dem Referendariat? Du hast es endlich geschafft und weißt nun, dass sich das Durchhalten gelohnt hat? Erzähl davon!

Erfahrungsbericht zum Mutmachen - werft mit Steinen:)

Beitragvon Mill1979 » 14.01.2017, 16:27:33

Hallo liebe Referendare,

ich wollte allen Refis Mut machen und dabei ein paar Dinge loswerden.

Auch ich gehöre zu den Referendaren, die ziemliche Probleme hatten.Die ersten drei Monate in der Schule waren die schlimmsten in meinem Leben. Ich konnte nix, hatte nie U-plus gemacht und stellte mich besonders dämlich an. Meine Noten waren nicht gut und ich kam mit den Schülern nicht klar. Anders als die vielen Refis, die hier immer schreiben, dass alle Schüler sie lieben, waren die meisten froh, wenn sie nicht bei mir Unterricht hatten.

Allen, denen es ähnlich geht, möchte ich erzählen, was mir geholfen hat: Ich habe die Schuld bei mir selbst gesucht. Ich habe alle Tipps von meiner Mentorin und den Ausbildern erst mal grundsätzlich angenommen, ohne sie groß zu hinterfragen. Ich habe darauf verzichtet, den Ausbildern oder dem System die Schuld für mein Versagen zu geben.

Ich erlebe hier vielfach - und jetzt kommen gleich die ersten Steine - dass viele Referendare ihr Scheitern im Zweiten Staatsexamen mit den Umständen oder dem ungerechten System Referendariat erklären. Für alle, die noch ganz am Anfang stehen, man hat dieses System ziemlich bald raus und weiß, was die Ausbilder sehen wollen. Danach richtet man sich dann.

Soll ich mich etwa verbiegen, höre ich viele empört rufen. Ja. Wenn es bedeutet, dass man erst mal das Zweite Staatsexamen schafft, warum denn nicht.
Viele sagen, sie sind gescheitert, weil sie sich dem nicht unterwerfen, keine Schau-Stunden zeigen, sondern lieber ganz beim Schüler und für den Schüler unterrichten wollen. Das finde ich ein bisschen kurz gedacht. Denn langfristig bringt das auch den Schülern nichts, wenn man nach der Prüfung eh weg vom Fenster ist. Liebe zwei Jahre sich verstellen. Da haben auch die Schüler mehr davon, und um die geht es ja offensichtlich immer. Sprich die Welt oder das Bildungswesen retten kann man immer noch, wenn man eine Planstelle hat.

Im Übrigen habe ich auch nicht eingesehen, was diese Schau-Stunden sollen. Bis mir klarwurde, dass sie mir wirklich geholfen haben, die Struktur von Unterricht zu begreifen und Methoden Vielfalt zu lernen. Auch ich habe oft seltsam und unlogisch gefunden, was die Ausbilder von mir wollten. Aber später habe ich den Sinn trotzdem oft noch erkannt.

Ich möchte mich nicht über diejenigen stellen, die es nicht geschafft haben. Ich erhebe auch nicht den Anspruch für ein allgemeingültige s Rezept zum Bestehen der Prüfung.

Aber ich möchte deutlich machen, was gut funktionieren kann und was bei mir funktioniert hat. Nämlich Selbstreflexion. Harte Arbeit. Demut.

So und jetzt werft die ersten Steine.:)
VIEL KRAFT EUCH ALLEN.

mill.
Mill1979
 
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Re: Erfahrungsbericht zum Mutmachen - werft mit Steinen:)

Beitragvon Zitronenfalter » 09.02.2017, 1:20:41

Mill1979 hat geschrieben:
Im Übrigen habe ich auch nicht eingesehen, was diese Schau-Stunden sollen. Bis mir klarwurde, dass sie mir wirklich geholfen haben, die Struktur von Unterricht zu begreifen und Methoden Vielfalt zu lernen. Auch ich habe oft seltsam und unlogisch gefunden, was die Ausbilder von mir wollten. Aber später habe ich den Sinn trotzdem oft noch erkannt.

[...]

Aber ich möchte deutlich machen, was gut funktionieren kann und was bei mir funktioniert hat. Nämlich Selbstreflexion. Harte Arbeit. Demut.



Respekt. Hat man lange nicht gelesen hier... Harte Arbeit und Demut... Das sind ja richtige Werte! Ich sehe Licht am Ende des Tunnels....

Und nein, es ist kein Zug, der entgegenkommt.

Gruß
Zitro
heiter weiter!
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Re: Erfahrungsbericht zum Mutmachen - werft mit Steinen:)

Beitragvon kecks » 09.02.2017, 15:44:50

seh ich auch so. in den allermeisten fällen zumindest wäre damit schon mal ganz, ganz, ganz viel gerichtet.
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Re: Erfahrungsbericht zum Mutmachen - werft mit Steinen:)

Beitragvon WerkstattSchreiben » 14.03.2017, 17:44:38

Guter Beitrag,
habe mich im Ref auch unterworfen, und immer die Planstelle dabei im Blick.
Der "Sinn" vieler Anforderungen und Tipps der Fachseminarleiter erschließt sich mir nach 4 Jahren Lehrtätigkeit jedoch immer weniger, wirkt auf mich immer "sektiererischer".

Warum?

Kleiner Tipp: Lest niemals John Hattie im Ref!
Erstens wird Hattie im Ref totgeschwiegen oder zumindest gemieden, wie der Teufel das Weihwasser meiden würde - oder, noch besser:
Hattie wird im Ref klein- oder schlechtgeredet, und das meist mit unbeholfenen, kurzen Nebenkommentaren von den Fachseminarleiter/innen. Ein "ja, aber Hattie hat doch herausgefunden, dass diese Einflussgröße bei Millionen von Schülern ...." traut sich meist kein Refi zu äußern, man will ja nicht als aufmüpfiger Querkopf gelten.

Mir ist noch nie soviel Unwissenschaftlichkeit und fachliche Ignoranz wie im Ref begegnet.

Soviel dazu.

Und jetzt: Augen zu und durch! Ihr schafft das! Ich bin Lehrerin geworden, weil "es" mir meistens Spaß macht, und ja, weil ich gerne & oft in Urlaub fliege, trotz Korrekturfächern. Meine Korrekturstapel nehme ich dann halt mit ...
Revolution könnt ihr machen, wenn ihr im System angekommen seid. Von innen.
Bin grad dabei.
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Re: Erfahrungsbericht zum Mutmachen - werft mit Steinen:)

Beitragvon IrrwitzHoch10 » 31.03.2017, 20:10:08

Hallo WerkstattSchreiben,

WerkstattSchreiben hat geschrieben:Kleiner Tipp: Lest niemals John Hattie im Ref!
Erstens wird Hattie im Ref totgeschwiegen oder zumindest gemieden, wie der Teufel das Weihwasser meiden würde [...]
Mir ist noch nie soviel Unwissenschaftlichkeit und fachliche Ignoranz wie im Ref begegnet.


Nicht wenige Ausbilder haben keine Ahnung und das umfassend. Vielfach herrscht eine subjektiv durchtränkte Vorstellung von handlungsorientiertem Unterricht (leidiges Thema) und selbst hier ist meist nicht mal eine saubere Definition des Handlungsbegriffs im Repertoire.

Für einen reflektierten und interessierten Menschen ist das eine intellektuelle Quälerei, wenn man mit Ausbildern zu tun hat, die demonstrative Wissenschaftsfeindlichkeit an den Tag legen und auch noch stolz auf ihre (freilich einzig richtige) Haltung sind. Mir bricht regelmäßig das Herz, wenn ich höre, was für einen Senf einem Referendar wieder mal erzählt oder abverlangt wurde. Machen kann man leider herzlich wenig - das System (wurde ja schon angemerkt) reproduziert sich und seine Verhaltensweisen zuverlässig selbst. Es ist erstarrt.

ABER: Es gibt sie, die Ausbilder, welche Hattie kennen und daran glauben, dass mühsame empirische Erbsenzählerei allemal besser ist als normative Setzungen elfenbeintürmelnder allgemeiner Didaktik-Großmeister. Die Hoffnung stirbt also wie immer zuletzt. ;-)

Besten Gruß
Irrwitz
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Re: Erfahrungsbericht zum Mutmachen - werft mit Steinen:)

Beitragvon niconj » 03.04.2017, 8:50:54

Pfff... ich habe mich mit Hattie im Ref beschäftigt und auch einen Seminarbeitrag zu ihm geleistet. Viele, die Hattie ablehnen, haben damit auch Recht. Was hat er denn gemacht? Er hat eine Metastudie von Metastudien gemacht und ist zu konfusen Ergebnissen gekommen, die zumindest auf das deutsche Bildungssystem nicht zutreffen (können, da die Studie sich auf den anglophonen Raum bezieht).

Bestes Beispiel ist der von ihm so gering attestierte Effekt der Klassengröße. Natürlich ist dieser nicht so hoch, wenn ich Klassen mit 15 u. 20 SuS vergleiche. Es ist aber doch ein erheblicher Unterschied festzustellen, wenn man Klassen mit 20 u. 28 SuS vergleicht.

Er wirft auch alles in den Offenen-Unterricht-Topf, was nicht ganz normaler Frontalunterricht ist. Falsch!

Ich bin der Meinung, dass Ausbilder schon allein durch ihre Unterrichtserfahrung mehr Ahnung haben als jeder Referendar, der vor ihnen steht. Wissenschaftlich sind sie sicherlich nicht mehr auf dem neuesten Stand aber im Unterricht doch jedem Referendar überlegen.

Insofern finde ich es schon wichtig auf das zu hören, was einem gesagt wird von den Leuten, die schon seit 30 Jahren unterrichten. Es ist tatsächlich so, dass man gerade hier im Forum Aufschreie vernimmt, dass das Ref total sinnlos ist und man sich nicht verwirklichen kann. Ich bin der Meinung, dass viele sich tatsächlich mal der Kritik annehmen sollten, wie es der Thread Ersteller gemacht hat. Manchmal ist es sogar ganz gut, wenn man sich nicht frei entfaltet. Das geht meist aufgrund der fehlenden Erfahrung richtig in die Hose.

Beispiel: Ich hatte mal für einen Unterrichtsbesuch ein Gruppenpuzzle vorbereitet. Alles bis aufs genaueste geplant, differenziert usw. usw. Meine Mentorin sagte mir dann, dass alle Jacken und Rucksäcke in eine Ecke sollen ("Die fliegen sonst drüber beim Wechseln der Gruppen!") und ich die SuS darauf hinweisen soll, dass sie sich zu mir drehen, wenn ich im PL etwas auswerte. Ich mit meiner Innovation hatte das einfachste außer Acht gelassen und genau das sind die Sachen, in denen uns jeder Ausbilder um Jahre voraus ist.

Die Schau-Stunden in ihrer peniblen Vorbereitung haben mir auch sehr viel geholfen. Klar is es mühsam so etwas vorzubereiten, vom Stress möchte ich hier gar nicht sprechen. Man sieht aber genau durch diese Vorbereitung und die Auswertung danach, was man alles hätte besser machen können.

Kleiner Tipp: Holt euch die Videoerlaubnis der Eltern und filmt eure Stunden ab und an mal. Ich habe das gemacht und dann daheim vor dem Fernseher selbst Ausbilder gespielt. Da fallen einem so viele Kleinigkeiten auf, die man im Unterricht einfach nicht für voll genommen hat. Genau so geht es dann einem Ausbilder, der einen dann darauf hinweist.
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Re: Erfahrungsbericht zum Mutmachen - werft mit Steinen:)

Beitragvon Zeltan » 24.04.2017, 19:16:08

Danke! Auch wenn es nicht den Eindruck machen sollte, so sprichst du dem einen oder anderen sicher aus der Seele. Im Ref geht es darum zu bestehen und das schafft man nur indem man annimmt was die Ausbilder sagen. Sie meinen es ja nicht schlecht und es ist schwierig am Anfang. Aber wenn man den Anweisungen und Tipps folgt, dann entwickelt man sich erst zu einem guten Lehrer.
Auch wenn der eine oder andere meint er würde lieber ganz anders unterrichten, so hält man sich letzten Endes doch an die gegebene Struktur, da sie Sinn macht und die Arbeit erleichtert!
Ich bin auch bei meinem Zweitversuch und es ist nicht alles gut gelaufen während des Refs, aber dieses Mal lief es deutlich besser weil ich eben berwit war mich anzupassen und darüber bin ich nun auch sehr froh!
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