Dumme Fehler und Panik

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Dumme Fehler und Panik

Beitragvon reffi25 » 31.12.2013, 1:44:55

Hallo und guten Abend,

immer wieder habe ich dasselbe Problem: Ich bekomme Angst vor der Schule. Manchmal ist es stärker, manchmal schwächer. Manchmal ist es unerträglich. Meistens sind diese Ängste irrational, aber es gibt durchaus Grundlagen dafür. Häufig geht es um Aufgaben, die mir fremd sind, rechtliche Sachen, schwierige Termine, Versäumnisse und Irrtümer, die ich anderen eingestehen muss. Ich mache einige Fehler als Berufseinsteiger, und ich komme mir oft entsetzlich dumm vor.
Meine Kollegen wirken alle so selbstsicher, nur bei mir funktioniert scheinbar nichts. Und ich schiebe das Ansprechen dieser Dinge dann immer weiter hinaus, weil ich Angst habe, dass sie denken: Schon wieder die dumme Neue, die nichts rafft. Und dann bin ich spät dran und die Panik ist inzwischen noch viel größer. Wahrscheinlich komme ich dann wirklich verplant rüber. Klassischer Fall von Prokrastination und ich ärgere mich schrecklich über mich selbst.

Ich bin inzwischen am Überlegen, ob mich das Referendariat und die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, "angstkonditioniert" haben. Denn so sehr ich auch versuche, mir selbst Mut zu machen - es funktioniert einfach nicht lange, und dann fühle ich mich wieder so schrecklich und mein Herz rast, weil ich nicht genau weiß, wie ich eine bestimmte Aufgabenform für die Schüler aufbereiten soll. Ich schaffe es einfach nicht, meine Kollegen ungezwungen um Hilfe zu bitten.

Ich habe das Gefühl, dass man mir diese Angst regelrecht antrainiert hat. In meinem Seminar mussten wir perfekt funktionieren und auf Kleinigkeiten wurde ständig herumgehackt. Mein einer Seminarlehrer war selbst absolut chaotisch, verlangte aber perfekte Planung und Orientierung von uns. "Dumme Fragen", die ich stellte, wurden mir negativ ausgelegt (süffisante Bemerkungen in meiner Beurteilung legen davon ein interessantes Zeugnis ab).

Schön, das zu wissen, aber auch das ändert nichts. Außer, dass ich mich vielleicht ein bisschen weniger über mich selbst und ein bisschen mehr über andere ärgere. Die Angst bleibt dennoch mein ständiger Begleiter, und ich frage mich: Ist das noch normal? Was kann ich tun? Liebe Grüße reffi25
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Re: Dumme Fehler und Panik

Beitragvon Drops » 31.12.2013, 11:20:28

Ich würde sagen, es ist ein Stück weit normal, wie Du Dich fühlst.
Zu Beginn ist eben alles neu und man lernt gerade in den ersten 3 Jahren noch unheimlich viel dazu. Dass dabei nicht alles wie am Schnürchen läuft, ist völlig normal und wird von einem guten Kollegium auch so ausgelegt. Man macht halt alles zum ersten Mal!

Das Eingestehen von Fehlern ist gut, denn es zeigt, dass Du an Dir und der Behebung dieser Fehler arbeitest. Danach macht man solche Fehler nicht mehr. Das ist doch ein ganz normaler Lernprozess. Klar fühlt man sich dann oftmals wie der letzte Honk, aber es gehört einfach dazu.

Bei mir konnte ich eine solche "Angstkonditionierung" auch beobachten, denn in meiner Ausbildungsschule lief es ähnlich ab wie in Deinem Seminar. Lass Dir Zeit, Dich an der neuen Schule einzuleben; frage Deine Kollegen um Mithilfe und Rat. Vielleicht hast Du einen erfahreneren Kollegen, der Dich ein wenig an die Hand nehmen kann? Austausch unter Kollegen ist gerade für Berufseinsteiger enorm wichtig, deswegen solltest Du Dich auch nicht scheuen, immer wieder um Hilfe zu bitten.
Ich weiß, dass dies ein komisches Gefühl ist, weil man nach dem Ref ja angeblich ausgelernt haben sollte. Aber ehrlich, jeder anständige Kollege weiß, dass dem nicht so ist! Ich mache jetzt im vierten Jahr viele Sachen immer noch zum ersten Mal und ich weiß leider, dass ich auch im sechsten Jahr noch genau so vor neuen Aufgaben stehen werde, wie momentan.
Wenn man sich dies eingesteht und es auch akzeptiert, dann hat man schon einen großen Schritt vorwärts gemacht und kann die Kollegen auch ungezwungener um Rat fragen.

Nur Mut!!!
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Re: Dumme Fehler und Panik

Beitragvon fernstern » 31.12.2013, 11:47:37

Hallo Reffi25,

ich kann Deine Gefühle sehr gut nachvollziehen: Sie haben mich das ganze Ref durch begleitet und auch ein Jahr danach konnte ich sie noch nicht wirklich abschütteln. Vom ersten Tag an hatte ich das Gefühl, den Ansprüchen niemals gerecht werden zu können und von Super-Referendaren umgeben zu sein, die alles aus dem Ärmel schütteln. Ich habe eigentlich jeden Tag darauf gewartet, dass jemandem auffällt, dass ich völlig fehl am Platz sei und keine Ahnung hätte, zumal ich das im Seminar eifrig betriebene Fachgeschwalle nicht liefern konnte. Da legten die Referendare um mich herum los und hielten zu Aufgabenstellungen endlose hochtrabende Monologe in fünffach-Schleifen, während ich meist nur ein/zwei Sätze gesagt habe und Ende. Herzrasen, Panik etc. waren meine ständigen Begleiter und wenn auch in abgeschwächter Form sind sie immer noch da. Ich habe mein 2.Examen mit einer 2 bestanden und kann also nicht so unfähig sein, wie ich mir immer vorkam (und teilweise immer noch vorkomme), aber wenn ich mir jetzt noch so vor Augen führe, was uns damals an Ansprüchen um die Ohren geschlagen wurde, kann ich immer noch kaum glauben, dass DAS was ich geleistet habe, diesen entsprochen haben soll: Es ist viel heiße Luft dabei! Diese Hoffnung hat mich damals täglich durch das Ref getragen und diese Meinung hat sich auch rückwirkend für mich bestätigt. Wir haben zu Beginn des Refs einige Listen bekommen, auf denen in hochtrabendsten Formulierungen aufgeführt wurde, was von uns erwartet würde. Das Ganze garniert mit drohenden Worten: "Und seien Sie sicher, wir werden entdecken, wenn Sie irgendwo Lücken haben! Dann kommen Sie hier nicht durch! Wir werden Sie auf Herz und Nieren prüfen!" Druck und Angst diesen absurd hoch gelegten Latten niemals entsprechen zu können waren das Ergebnis. Ziel des Ganzen ist meiner Meinung nach a) die Betonung der eigenen unfassbaren Wichtigkeit und Weisheit des Seminars und b) Jeden wirklich zu Höchstleistungen anzutreiben. Aber NICHT so hoch, wie die Latte gelegt wird! Man bekommt die Latte auf 1000 Meter gelegt, damit man sich soweit anstrengt, wie irgendmöglich (was ich auch getan habe). So erreichst Du dann 800 Meter. Würde man von vornherein nur die 800 Meter verlangen, würde man vermutlich 600 schaffen. Du musst wirklich alles geben, aber Du darfst nicht verzweifeln und Tag für Tag hinter Dich bringen. Gib immer Dein Bestes und streng Dich wirklich an und dann wirst Du mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Erfolg haben. Diese Angst gehört irgendwie dazu. Lass Dir von dieser Angst NICHT das Gefühl geben, ihre Existenz sei der Indikator dafür, dass Du nicht geeignet seist! Sie ist normal und sorgt dafür, dass Du alles gibst! Akzeptier sie und lass Dich nicht verunsichern! Den meisten geht es so, aber vielleicht zeigen es nicht alle. Es wird immer welche geben, die Dir so unfassbar kompetent vorkommen, dass man das Gefühl hat, es als "normaler" Mensch niemals schaffen zu können. Blende das aus, gib alles was Du kannst und schöpf daraus Kraft, denn mehr als alles zu geben, kannst Du nicht tun! Das ist eine sehr unangenehme Zeit und sie scheint kein Ende zu nehmen, da Du Dich vermutlich wie ein Hamster im Rad drehst. Mitten in all dieser Dreherei hält das Rad auf einmal an und Du stehst da und stellst fest: Upps, es ist vorbei!
Ich hoffe, ich konnte Dir ein bischen weiterhelfen, zumindest was das Thema Angst angeht. Ich wünsche Dir alles Gute,
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Re: Dumme Fehler und Panik

Beitragvon Illi-Noize » 31.12.2013, 12:12:33

Da es hier nicht um das Referendariat geht machen wir eine Reise in den "Pädagogik-Bereich" -> *schwupps*
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Re: Dumme Fehler und Panik

Beitragvon reffi25 » 31.12.2013, 15:09:27

Hallo drops, Hallo fernstern,

danke euch für euer Verständnis und eure Rückmeldungen.
Das gibt mir ein Stück weit das Gefühl, dass ich doch nicht ganz so verrückt bin, wie ich oft denke.
Mein Vorsatz für das neue Jahr ist es, unangenehme Aufgaben nicht mehr so lange vor mir herzuschieben. Dazu neige ich leider, vor allem, wenn man mich unter Druck setzt. Und das schadet mir im Endeffekt viel mehr, als rechtzeitig eine "dumme Frage" zu stellen. Hoffe ich zumindest. Ich werde es ausprobieren.
Die "Messlatten-Theorie" finde ich sehr interessant. Ich frage mich nur, ob diese Vorgehensweise wirklich motivierend ist. Ehrlich gesagt glaube ich, dass diese Methode bei vielleicht 50% Erfolg zeigt, aber den anderen nachhaltig schadet, so dass unterm Strich eher ein negativer Effekt entsteht. Im Ref habe ich erlebt, dass Leute, die eher "zu selbstbewusst" sind (also sich überschätzen - ist nicht negativ gemeint, aber gibt es ja oft, auch unter Schülern), oft die besseren Leistungen gebracht haben. Solche Leute fühlen sich von den hohen Anforderungen immer wieder aufs Neue motiviert und geben dann immer mehr. Sie haben oft eine "sportliche" Einstellung zum Ref und nehmen Rückschläge nicht so ernst. Oft hatte ich - Verzeihung - bei diesen Leuten aber eher das Gefühl, dass sie viel heiße Luft fabrizieren (didaktisch und auch pädagogisch) und ich fand es eher unangenehm, sie bei ihren Selbstbeweihräucherungen zu beobachten...andererseits wirkten sie sehr zufrieden und der Erfolg gab ihnen ja auch recht.
Mir geht das leider völlig ab. Ich bin von Natur aus eher "selbstunterschätzend" und mich kann man durch Zuspruch und positive Verstärkung viel mehr fördern als durch Druck und unrealistische Ansprüche. Da steigere ich mich dann in negative Gedanken hinein und verliere den Mut, statt motiviert zu werden. Ich hänge mir selbst die Latte schon hoch genug, und wenn dann jemand kommt und alles in Grund und Boden kritisiert - verfalle ich in diese ungesunde Panik.
Das jetzt nur ein paar Gedanken zum Thema - ich weiß selbst auch, dass ich übertreibe und es tut gut, wieder auf den Boden zurückgeholt zu werden. Danke dafür! Liebe Grüße, reffi25
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Re: Dumme Fehler und Panik

Beitragvon krabappel » 03.01.2014, 22:15:16

Hm, kenne ich. Das hat allerdings nichts mit dem Ref zu tun. Hier startet aber der Beruf und man ist das erste Mal im Leben darauf angewiesen, mit anderen zusammen zu arbeiten, hat einen Vorgesetzten und Kollegen. In der Uni kann doch jeder machen was er will, ob man da erscheint oder nicht, eine eigene Meinung hat oder nicht- es interessiert niemanden. Man kann keine Fehler machen.

reffi25 hat geschrieben: weil ich Angst habe, dass sie denken:...
versuche, wieder sachlicher zu werden. Es gibt nicht nur eine Lösung für Aufgaben und Probleme. Du kannst nur aufgrund deiner Einstellung, deiner Erfahrung und deines Wissensstandes Entscheidungen treffen. Du musst wissen, warum du was machst und für dich eine gute Begründung haben. Andere mögen das anders sehen, so ist das.

Wenn du wirklich großen Mist gebaut hast, dann bleib auch da bei der Sache. "Ach so, das habe ich falsch verstanden, das nächste Mal werde ich so und so handeln".

Wenn sich jemand persönlich angegriffen fühlt und das sagt, kann man sich auch entschuldigen. Wenn der andere aber nichts sagt, dann versuche auch nicht, irgendwas in seine Laune zu interpretieren. Er oder sie kann gerne den Mund aufmachen, wenns ein Problem gibt. Ansonsten ist es sein Problem. Du kannst es weder allen Recht machen noch werden dich alle "lieb haben" ;-)
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Re: Dumme Fehler und Panik

Beitragvon ritesa » 06.01.2014, 0:11:26

Wenn du das Gefühl hast, die Angst sei "antrainiert" - wäre es nicht auch möglich, diese Angst wieder "abzutrainieren", zumindest bis zu einem erträglichen Grad? Methoden zu finden, die Angstzustände zu überwinden - und letztendlich vielleicht auch wieder verschwinden zu lassen?

Das können ganz banale Sachen sein - Routinen, Übungen, ... vielleicht weisst du ja, was für dich am ehesten funktionieren könnte. Meditation, Mantras, Entspannungsübungen, to-do-Listen mit anschließender Belohnung, positives Denken trainieren, Atemübungen, Tee trinken, Lächeln (und Winken) und und und...

Oder nicht nur für Englischlehrer: folgende Postkarte über den Schreibtisch hängen:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6f/Keep-calm-and-carry-on-scan.jpg

Zudem kann es hilfreich sein, Kontakt mit und Vertrauen zu Kollegen aufzubauen, die einem Sicherheit geben in dem was man tut. Dann stehst du nicht mehr alleine da und hast zuverlässige Ansprechpartner - nicht nur bei Problemen.
Lieber befristet und glücklich als Planstelle und unglücklich.
Städtisches Gymnasium München - jetzt auch mit Planstelle.
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