Schulwahl/Anfordern lassen

Habt ihr Fragen speziell an Ehemalige? Einige Junglehrer, die auch in der Referendarsbetreuung tätig sind, versuchen euch zu helfen.

Schulwahl/Anfordern lassen

Beitragvon labanquise » 13.05.2019, 18:33:20

Liebe Refs und Junglehrer,

ich stehe schon seit Tagen in der Bredouille und erhoffe mir einen weisen und vor allem objektiven Rat von euch.
Ich habe einen Referendariatsplatz in meinem Bundesland bekommen (Hamburg) und hätte die Möglichkeit, mich von der Schule, an der ich momentan als Vertretungslehrkraft arbeite, anfordern zu lassen. Das funktioniere laut Schulleitung relativ problemlos und würde bedeuten, ich könnte im gewohnten Umfeld Kurse und Klassen, die ich bereits kenne, unterrichten und für meine Hospis aussuchen. Die Schule ist wirklich nett und alle Kollegen und auch die Schulleitung sind super freundlich und machen einen richtig guten Job. Da wäre es doch ganz schön blöd, das nicht zu nutzen....
Ich bin jedoch noch stark am überlegen, ob ich mich nicht in den Sammeltopf der übrigen Refs für die Gesamtschulen und Gymnasien werfen lassen soll. Grund dafür ist hauptsächlicht die Arbeitsweise an der Schule. Sie befindet sich in einem benachteiligten Stadtteil und man hat vermehrt mit Disziplin- und Erziehungsfragen zu tun und stellt deswegen Fachinhalte hinten an. Ich finde die Philosophie und Vorgehensweise der Schule gut und richtig und habe dort gerne gearbeitet. Mir ist ebenso bewusst, dass es auch schwierige Schüler an anderne Schulen gibt und ich immer damit zu tun haben werde, darum geht es mir primär nicht. Ich kenne nur mittlerweile die Arbeitsweise dieser Schule sehr gut und ich weiß für mich als Gymnasiallehrerin nur noch nicht, ob ich später eben vermehrt pädagogisch oder fachlich arbeiten möchte und würde deswegen noch gerne eine andere Schule kennenlernen.
Ich denke das Referendariat könnte dafür der richtige Zeitpunkt sein, da es mit 1,5 Jahren kompakt gegliedert ist und eben auch eine Zeit, um den Schulalltag und die verschiedenen Unterrichtsformen kennenzulernen. Da denke ich mir, ist es doch deutlich schwerer nach dem Ref noch weitere Schulformen auszuprobieren, wenn man eine 100%-Stelle anstrebt, möglicherweise eine Klassenleitung übernimmt und die Schulleitung von einer mehrjährigen Anstellung ausgeht. Da wäre ein Wechsel bei Unzufreidenheit nach 1,5 oder 2 Jahren doch sehr schwierig.

Da ich bisher eben "nur" an Gesamtschulen und oftmals auch in "Brennpunkten" unterrichtet habe, würde ich mir auch gerne nochmal die andere Seite ansehen. Oftmals hört man von den bekannten Referendaren aus dem Freundeskreis, dass das Ref die stressigste und anstrengendste Zeit überhaupt wäre und man froh sein könne, wenn man ein nettes Kollegium um sich habe und wenigstens die Schule schon kenne. Schließlich gebe es auch so viele Schulen, an denen es nicht gut laufe...
Das weiß ich auch ohne Zweifel wertzuschätzen, denke mir jedoch auch, dass gerade Seminalleiter und Schulleitung bei Arbeitskräften mit dem Status"Referendar" deutlich mehr Zugeständnisse machen und Eingwöhnungszeit erlauben als bei fertig ausgebildetetn Lehrern. Somit habe ich das Gefühl Zeit zum Ausprobieren "zu verschenken"... ist dieser Gedanke gerechtfertigt?

Ich würde mich über eure Gedanken dazu sehr freuen. Ich denke ihr könnt mir einige interessante Sichtweisen ermöglichen, gerade, wenn ihr die Refzeit schon hinter euch habt und somit schon etwas mehr Erfahrung vom Kosmos Schule habt.

Vielen Dank!
labanquise
 
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Re: Schulwahl/Anfordern lassen

Beitragvon Jméno » 16.05.2019, 18:57:19

Moin!
Ich war vor Refbeginn in einer ähnlichen Lage wie du – bloß halt umgekehrt: Ich hatte selbst an einem katholischen Gymnasium Abitur gemacht und mein 2. Schulpraktikum an einem altsprachlichen Gymnasium absolviert. Im Referendariat habe ich dann ziemlich bewusst eine Gesamtschule ausgewählt, weil ich eben auch die andere Seite sehen wollte, um dann eine begründete langfristige Wahl treffen zu können. Das hatte am Ende sowohl positive als auch negative Seiten:

• Obwohl meine Ausbildungs-Gesamtschule keine »Brennpunktschule« war, gab es trotzdem vergleichsweise viele, nennen wir es: pädagogische Herausforderungen. Denen muss man begegnen, zeitnah. Das führt dazu, dass andere Dinge hintanstehen müssen – und rückblickend hätte mir insbesondere in der prüfungsintensiven Zeit eine Schule mit mehr Routine, mehr Alltag, mehr »Flow« gut getan. Das gute Gefühl, einem Kind, das Hilfe brauchte, geholfen zu haben, hält halt nicht sooo lange an, wenn du danach noch einen passablen Entwurf schreiben musst.
• Meine Erfahrung mit Ausbildern war auch eher durchwachsen. Ich habe im modularisierten Ref Hessens gelernt und hatte entsprechend viele unterschiedliche Modulverantwortliche. Einige davon konnten oder wollten nicht verstehen, dass ein Referendar in einem Gesamtschulmilieu in Randstunden (Freitags 6. Stunde, hurra!) nicht dieselben Ergebnisse erzielt wie ein routinierter Kollege an einem Elitegymnasium mittwochs am Vormittag. Da wären mir leistungswilligere SuS manchmal sehr zupass gekommen.
• Andererseits: Wenn man an einer nicht ganz einfachen Schule seine Pappenheimer kennt, die schon auf einen eingenordet sind und die zwischenmenschliche Chemie sind, sind das häufig unglaublich dankbare Lerngruppen. Mir hat nach mehr als einer Lateinprüfung die Ausbilderin erklärt, meine Kinder hätten mich »mal wieder auf Händen durch den UB getragen«.
• Am Ende waren es für mich lehrreiche Jahre – aber eben auch in der Hinsicht, dass ich mit meinen Fächern (und ich bin nun einmal Lateiner) an einem Gymnasium deutlich besser aufgehoben bin. Die ganz heile Welt gibt’s auch dort nicht, aber ich empfinde das Arbeitsklima als angenehmer – wobei das eben auch etwas hochgradig Individuelles ist. Denn so, wie es SuS gibt, die an einer Gesamtschule besser aufgehoben sein dürften, gibt es sicherlich auch LuL, die für den dortigen Arbeitsalltag besser passen. Und umgekehrt: Sowohl unter Kindern als auch im Kollegium gibt es klassische Gymnasialer.
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Re: Schulwahl/Anfordern lassen

Beitragvon schotti » 16.05.2019, 22:30:14

Das weiß ich auch ohne Zweifel wertzuschätzen, denke mir jedoch auch, dass gerade Seminalleiter und Schulleitung bei Arbeitskräften mit dem Status"Referendar" deutlich mehr Zugeständnisse machen und Eingwöhnungszeit erlauben als bei fertig ausgebildetetn Lehrern. Somit habe ich das Gefühl Zeit zum Ausprobieren "zu verschenken"... ist dieser Gedanke gerechtfertigt?


Lieber labanquise,
auch wenn es erstmal so erscheint, ist das Referendariat keine Zeit, in der man etwas ausprobieren darf, sondern man erlernt die Grundlagen des Unterrichtens. Daran muss man sich halten und das wollen die Ausbilder auch sehen - es sei denn, man möchte nicht bestehen.

Eingewöhnungszeit und Zugeständnisse reichen je nach Bundesland von extrem knapp bis nicht vorhanden. Die Ausbildungszeit beträgt ja nur wenige Monate.
(Bei mir waren es 15 Monate bis zur Prüfung, davon nochmal drei Monate "Ferien" abziehen)

Nach dem Referendariat hast Du bis zum Ruhestand viele Jahre Zeit Dich zu entwickeln und das muss man auch, denn die Gesellschaft sowie das System Schule entwickelt sich ebenfalls ständig weiter.
schotti
 
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