Redeanteil

Habt ihr Fragen speziell an Ehemalige? Einige Junglehrer, die auch in der Referendarsbetreuung tätig sind, versuchen euch zu helfen.

Re: Redeanteil

Beitragvon i_ek » 13.02.2015, 13:29:38

chrisy hat geschrieben:
P.S.: Hattie fällt mir auch noch ein, der schließt zwar darauf, dass lehrerzentrierter Unterricht einen hohen Effekt fürs Lernen hat, aber mit einem sehr geringen Sprechanteil.

Nein, er spricht von Instruktion. Dies ist nicht gleichzusetzen mit lehrerzentriert.



Aber wie kommst du darauf, dass Instruktion und lehrerzentriert ein Gegensatzpaar wäre? Instruieren tut wohl oder übel der Lehrer...

Zitat Helmke “Hatties Motto: Lehrerzentrierter, aber schülerorientierter und schüleraktivierender Unterricht.”

Lehrerzentriert bedeutet nicht immer gleich, dass nicht das selbstständige Tun der Schüler im Mittelpunkt steht, bzw. kann man es von verschiedenen Perspektiven betrachten.



Quelle:
http://visible-learning.org/de/2013/07/andreas-helmke-hatties-motto-lehrerzentrierter-aber-schulerorientierter-schuleraktivierender-unterricht/
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Re: Redeanteil

Beitragvon krabappel » 14.02.2015, 19:21:10

lisamaus hat geschrieben:Aber ich verstehe einfach nicht was der Unterschied ist, ob ich etwas erkläre, oder ob irgendein Schüler, der glücklicherweise vielleicht schon etwas mehr weiß da vor sich hin "gatzt".


Ohne deine Stunden gesehen zu haben, ist es schwierig, die Kritik zu beurteilen.
Aber aus deinem zu hohen Redeanteil zu schließen, dass du stattdessen im L-S-Gespräch den Kindern etwas aus der Nase ziehen bzw. sie raten lassen musst, ist für mich der falsche Schluss.

Denke an deine Uni-/ Schulzeit zurück. Was ist dir in Erinnerung geblieben? gute Vorträge? Diskussionen? Demonstrationen im Rollenspiel? Textarbeit? Filme? Referate? Etwas, dass du zu Hause zu einem Lieblingsthema selber vorbereiten konntest?

Oder je nach Thema von allem etwas? Die Methode ist vom Ziel abhängig. Manchmal muss man was erklären und hat sich dafür auch genau überlegt, wie man einen Inhalt visuell darstellt oder sonstwie vermittelt. Aber 45 min. lang zu quatschen und zu hoffen, dass man alle so fesselt, dass sie alles verstehen und prompt behalten, ist wohl auch vermessen.

Insofern: frag deine Seminarleute, die deine Stunde gesehen haben doch konkret, was du ändern sollst. Kann mir kaum vorstellen, dass dann kommt: lassen sie die Kinder rumraten, nur damit jemand anders spricht.
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Re: Redeanteil

Beitragvon IrrwitzHoch10 » 10.01.2017, 20:56:34

Hallo krabappel,

krabappel hat geschrieben:Aber aus deinem zu hohen Redeanteil zu schließen, ...


der Begriff "Redeanteil" suggeriert schon, dass es im Grunde unwichtig ist, ob nun Lehrer oder Schüler redet, so lange das Rederecht nur möglichst demokratisch verteilt ist - ein qualitativer Unterschied zwischen Lehrer- und Schülerrede scheint nicht zu bestehen.

Was wurde mir nicht alles gesagt: Ich würde dozieren, würde die Schüler mit Worten überschütten, sei viel zu anspruchsvoll etc.

Fakt ist, dass im Regelfall alle Schüler bei mir aktiv zuhören (das stelle ich sicher) und mein "Redeanteil" (der je nach Situation und Thema stark variiert) eben kein unmotivierter und einschläfernder Vortrag ist, sondern vielmehr ein lebhaftes und leidenschaftliches Präsentieren von Lernstoff/Wissen mit ständigem (!) Rückbezug zu den Zuhörern, so dass sichergestellt ist, dass jene kognitiven Prozesse mit ins Boot geholt werden, die letztlich eben das auslösen, was man auch schlicht und kurz "Lernen" nennt.

Und das fällt mir - wie wohl auch dem Ersteller dieses Threads - nicht allzu schwer, da wir dies offenbar können. Andere können dafür andere Dinge besser (z.B. kreative Arbeitsaufträge und Lernmaterialien konzipieren); es gibt bekanntlich viele Wege, Lernprozesse effektiv zu gestalten, wie die neuere Forschung glasklar bestätigt. Wir sollten also künftige Lehrende darin unterstützen, ihre je individuelle Lehrbegabung zu entdecken und zu fördern, um diese dann gezielt anhand aktueller Ergebnisse aus der Lehr-Lern-Forschung auszubilden. Jeder kann und muss zeitlebens an sich feilen, das schließlich steht außer Frage!

Aber verabschieden wir uns doch einfach und endlich von diesen öden und langweilig pauschalen Denkweisen, die alles ewig durcheinander werfen und am Ende selbst nicht mehr wissen, wovon sie eigentlich sprechen - wenn sie es denn je wirklich wussten. Wer weiß denn heute schon noch, was "Frontalunterricht" überhaupt ist (bzw. jemals war)? Je mehr man ins Detail geht, desto schwammiger wird die Sache und am Ende stellt man fest, dass der martialisch klingende "Frontalunterricht" nicht mehr als ein begrifflicher Abstellraum schlechter Lehrergewohnheiten und fragwürdiger Verhaltensweisen ist. Er ist ein Phantom.

Ich erinnere mich sehr gut an diejenigen meiner ehemaligen Lehrer, die den Unterricht auf ihre Weise jeweils irgendwie interessant machten und die "kognitiv" etwas bei mir bewirkt haben. An Teile ihrer Lehrervorträge kann ich mich sogar wortwörtlich erinnern - was in meinen Heften stand, das habe ich hingegen restlos und gründlich vergessen. Kann natürlich z.T. auch mit meinem individuellen Lerntyp zu tun haben.

P.S.: Das war jetzt nicht gegen dich gerichtet, sondern gegen die immer noch weit verbreitete Idee, eine sprechende Lehrperson sei irgendwie selbstherrlich und würde den Schülern etwas (z.B. ihren Redeanteil) wegnehmen. Wir dürfen nicht vergessen: Reformpädagogik war in erster Linie politisch motiviert.

Lieben Gruß
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Re: Redeanteil

Beitragvon Katta » 11.01.2017, 13:52:23

IrrwitzHoch10 hat geschrieben: Kann natürlich z.T. auch mit meinem individuellen Lerntyp zu tun haben.



Und genau deswegen sollte nach Möglichkeit der Unterricht methodisch unterschiedlich gestaltet werden - was hier ja auch von eigentlich allen den Beitrag kommentierenden Kollegen gesagt wurde.

Natürlich sollte ich meine Stärken als Lehrer ausspielen. Aber ich soll eben auch möglichst viele Schüler ansprechen, die unterschiedlich lernen und unterschiedliche Herangehensweisen haben, dadurch, dass ich Methoden abwechsle - an Stellen/ Themenbereichen, an denen es sinnvoll ist. Es gibt Themenbereiche, die ich tatsächlich als Lehrer mit einem gut gestalteten Lehrervortrag, der eben, wie du es auch gesagt hast, möglichst so angelegt ist, dass er mit Rückfragen aufgelockert wird, die die Aufmerksamkeit halten, der weiterführende Aufgaben enthält, so dass die Schüler das Wissen anwenden müssen. Es gibt aber auch Themenbereiche, die die Schüler sich sehr gut (mit Hilfe und Unterstützung) selber aneignen können.
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Re: Redeanteil

Beitragvon IrrwitzHoch10 » 11.01.2017, 19:25:22

Hallo Katta,

Katta hat geschrieben:Und genau deswegen sollte nach Möglichkeit der Unterricht methodisch unterschiedlich gestaltet werden - was hier ja auch von eigentlich allen den Beitrag kommentierenden Kollegen gesagt wurde.


Die Idee ist klar: Je mehr Methoden, desto eher werde ich den individuellen Bedürfnissen jedes Einzelnen gerecht. Das Problem dabei ist aber, dass das leider viel zu unspezifisch ist, um in der Praxis effektiv zu funktionieren - das mit den Lerntypen ist überhaupt nicht klar separierbar (wird sogar mittlerweile wieder stark in Frage gestellt) und insofern sehe ich die Art von Methodenvielfalt, wie sie z.B. ein H. Meyer seit Jahr und Tag predigt, sogar als kontraproduktiv an (und das ist jetzt nicht nur meine Privatmeinung).

Die Forschung (siehe z.B. Helmke) hat ja ergeben, dass erfolgreiche Lehrkräfte im Schnitt pro Jahr 3 verschiedene Unterrichtsformen zur Anwendung bringen.

Katta hat geschrieben:Natürlich sollte ich meine Stärken als Lehrer ausspielen. Aber ich soll eben auch möglichst viele Schüler ansprechen, die unterschiedlich lernen und unterschiedliche Herangehensweisen haben,


Das eine schließt das andere nicht aus. Ich spreche jeden Schüler als Individuum an und versuche, seine Eigenart angemessen zu berücksichtigen - was wiederum nur möglich ist, wenn ich mich in einer Lernform befinde (bzw. mir diese einrichte), in der ich mich als Lehrerpersönlichkeit bestmöglich entfalten kann.

Katta hat geschrieben:Es gibt Themenbereiche, die ich tatsächlich als Lehrer mit einem gut gestalteten Lehrervortrag, der eben, wie du es auch gesagt hast, möglichst so angelegt ist, dass er mit Rückfragen aufgelockert wird, die die Aufmerksamkeit halten, der weiterführende Aufgaben enthält, so dass die Schüler das Wissen anwenden müssen. Es gibt aber auch Themenbereiche, die die Schüler sich sehr gut (mit Hilfe und Unterstützung) selber aneignen können.


Der Begriff "Lehrervortrag" gehört auch zu denjenigen, die mir so gar nicht behagen. Solche Schlagwörter (häufig als didaktische Kampfbegriffe benutzt) versperren meines Erachtens den Blick auf das, worauf es im Lehrerberuf ankommt: Die Unterrichtskommunikation.

Natürlich rede ich (z.B. in Geschichte) auch mal 10-15 Minuten oder erzähle eine selbst ersonnene Geschichte (natürlich basierend auf historischem Wissen), aber die Regel ist eher, dass verschiedene Phasen der Kommunikation fortwährend und dynamisch untereinander abwechseln. Wenn ich merke, dass ein Aspekt vielen Schülern noch nicht so recht klar ist, breche ich z.B. spontan eine Stillarbeitsphase ab und erkläre nochmal 5-10 Minuten in Form eines Feedback-Gesprächs Fragen oder suche nach neuen/besseren Wegen, kognitive Prozesse anzustoßen und so den Lernstoff anschaulicher/verstehbarer zu machen usf.

Das hätte ich in der Ausbildung in dieser Form niemals bringen können, ohne sofort eins auf den Deckel zu bekommen und das finde ich tragisch. Doch das ist ein anderes Thema.

Herzlichen Gruß
Irrwitz
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Re: Redeanteil

Beitragvon Katta » 11.01.2017, 20:17:42

So wie ich dich verstanden habe, meinen wir dann in etwa das Gleiche, definieren nur anscheinend die Begriffe unterschiedlich (Lehrervortrag ist für mich eben genau das, was du beschreibst - ich bin da emotional nicht so vorbelastet durch das Ref ;- P)
Wobei mir jetzt auffällt, dass ich mich einmal bei den Begriffen verhauen hatte, ich meinte nicht Methodenvielfalt (und schon gar nicht nach dem ganz alten Hilbert Meyer-Prinzip -- das tatsächlich zumindest bei uns in der Region schon seit einer ganzen Weile wieder verpönt ist), sondern Sozialformwechsel und eben unterschiedliche Zugänge. Sorry.

Und ich hoffe doch, dass jeder halbwegs ordentliche Lehrer in der Lage ist, seine Herangehensweise auch spontan zu ändern, wenn man feststellt, das ist gerade bei den Schülern nicht angekommen und wählt dann einen neuen Zugang (ob das dann noch mal Erklärungsphasen im Plenum sind oder eben noch mal in die Einzelarbeit in die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Text oder die Schüler aus der Einzelarbeit in eine Partner-/Gruppenarbeit zu stecken oder was auch immer). ;- )

Wobei ich auch vermute, dass wir sehr unterschiedliche Fächer haben? Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften unterscheiden sich da ja mitunter schon stärker in der Herangehensweise...?
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Re: Redeanteil

Beitragvon IrrwitzHoch10 » 12.01.2017, 0:30:35

Hallo Katta,

Katta hat geschrieben:So wie ich dich verstanden habe, meinen wir dann in etwa das Gleiche, definieren nur anscheinend die Begriffe unterschiedlich (Lehrervortrag ist für mich eben genau das, was du beschreibst - ich bin da emotional nicht so vorbelastet durch das Ref ;- P)


Das kann sehr gut sein, soll ja durchaus häufiger vorkommen, dass sich Leute über Begriffe streiten, noch bevor sie deren Inhalte geklärt (oder verstanden) haben - was jetzt nicht heißen soll, dass wir uns gestritten hätten! :-)

Katta hat geschrieben:Wobei mir jetzt auffällt, dass ich mich einmal bei den Begriffen verhauen hatte, ich meinte nicht Methodenvielfalt (und schon gar nicht nach dem ganz alten Hilbert Meyer-Prinzip -- das tatsächlich zumindest bei uns in der Region schon seit einer ganzen Weile wieder verpönt ist), sondern Sozialformwechsel und eben unterschiedliche Zugänge. Sorry.


Erfreulich zu hören, dass der Meyer bei euch zum alten Eisen gehört. Er ist - obwohl in Rente - weiterhin recht aktiv, habe erst neulich wieder einen Artikel (bzw. Interview) von ihm gelesen, wo er krampfhaft versuchte, seinen Traum des Methodenparadieses umständlich ins neue (empirische) Jahrtausend zu retten; schließlich hat er es schon immer gewusst: "Monowald ist besser als Mischkultur!"... oder so ähnlich... ist aber auch völlig egal, weil es ohnehin nichts aussagt.

Katta hat geschrieben:Und ich hoffe doch, dass jeder halbwegs ordentliche Lehrer in der Lage ist, seine Herangehensweise auch spontan zu ändern, wenn man feststellt, das ist gerade bei den Schülern nicht angekommen und wählt dann einen neuen Zugang (ob das dann noch mal Erklärungsphasen im Plenum sind oder eben noch mal in die Einzelarbeit in die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Text oder die Schüler aus der Einzelarbeit in eine Partner-/Gruppenarbeit zu stecken oder was auch immer).


Richtig! Und das ist - finde ich jedenfalls - die eigentliche Kunst.

Katta hat geschrieben:Wobei ich auch vermute, dass wir sehr unterschiedliche Fächer haben? Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften unterscheiden sich da ja mitunter schon stärker in der Herangehensweise...?


Ich habe auch schon Mathe vertreten. Das ist für die Schüler meist ausgesprochen motivierend, mehr sage ich besser nicht dazu. :D

Einen schönen Abend wünscht dir
Irrwitz
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