Eltern als billige Laienlehrer

Umfrage und Diskussion über das aktuellste schulpolitische Thema

Beitragvon sebbi » 18.11.2006, 14:44:19

Der Vorsitzende des Stadtelternbeirats, Wilfried Volkmann, regt sich auf: "Die Landesregierung lässt den Respekt vor ihren Mitarbeitern vermissen." Der Vertrag verstoße "gegen die guten Sitten". Dass Zahlungen mit solcher Verzögerung geleistet würden, "das gibt es sonst nur bei irgendwelchen Klitschen". Quelle:FR online

Dass das erste Gehalt erst nach drei Monaten auf dem Konto eines Referendars eingegangen ist (so zumindest in Bayern eher die Regel), hat bisher noch niemanden aufgeregt. Kaum dürfen Taxifahrer Lehrer spielen und werden zwölf Wochen nicht bezahlt, ist es ein Politikum. Warum haben sich Elternbeiräte noch nicht über die Behandlung von Referendaren beschwert?

Ach ja, vielleicht ist es ja doch gut, dass jetzt normale Leute in den Beamtenapparat/ den Lehrkörper kommen, damit sie am eigenen Leib erfahren, wie die schulinterne Realität wirklich ist.
Vielleicht sehen ja wenigstens die Hessen ein, dass es eben nicht einfach ist, sechs Stunden am Stück zu unterrichten, dabei ca. 180 Schüler zu motivieren um dann am Nachmittag/Abend noch zu korrigieren und Unterricht individuell vorzubereiten.

Nichtsdestotrotz - ich bin weiterhin gegen das hessische Erfolgsmodell!

@Herbie: Danke, dass Du uns durch die Zeitungsartikel so gut auf dem Laufenden hälst.
Zuletzt geändert von sebbi am 18.11.2006, 16:36:01, insgesamt 1-mal geändert.
sebbi
 

Beitragvon Herbie » 18.11.2006, 15:44:43

Sorry, wenn ich mich hier schon wieder melde ;). Ich wollte nur mal nachfragen: Sebbi, habt Ihr am Anfang des Referendariats echt erst nach drei Monaten Geld bekommen? Bei mir hat das ca. einen Monat gedauert, und da kamen dann gleich zwei (Referendars-)Gehälter, weil Beamte ja das Gehalt im voraus erhalten ...
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Beitragvon sebbi » 18.11.2006, 16:35:31

@Herbie
Ist zwar leicht off-topic, aber dafür bin ich ja selbst verantwortlich. Mea culpa!

Ja stimmt, so wars. Dazwischen gabs mal eine pauschale Abschlagszahlung, dann folgte nach ca. 11 Wochen der ganze Rest mit dem Gehalt für den nächsten Monat.

grüße
sebbi
 

Beitragvon nele » 18.11.2006, 21:26:42

sebbi hat geschrieben:Warum haben sich Elternbeiräte noch nicht über die Behandlung von Referendaren beschwert?


Das liegt unter anderem daran, dass unsere Interessensverbände keine echten Interessensverbände sind, sondern lieber - und da denke ich jetzt vor allem an die GEW - lieber Weltverbesserungspolitik spielen anstatt sich konkret um die Anliegen der Kollegen zu kümmern.

Wo werden wirksame Anzeigen geschaltet? Wo ist die Rückkopplung mit dem Fernsehen? Wo wird Öffentlichkeit hergestellt? Warum wird nicht vom Hartmannbund gelernt?

Nele
nele
 

Beitragvon Freidenker » 08.02.2007, 11:56:09

Guten Morgen !
Dass man auf diese schwachsinnige Idee in Hessen gekommen ist, zeigt, welches gesellschaftliche Ansehen der Lehrerberuf in der Bevölkerung mittlerweile hat !

Ich werde mich entweder den Krankenkassen als kostengünstiger "Laienchirurg" vorstellen oder als "Laienanwalt" demnächst eine Praxis eröffnen.
Ihr kommuniziert mit dem künftigen Bildungsminister !
Freidenker
 
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Beitragvon rebel84 » 03.07.2008, 10:33:36

Kritik an U-Plus aus Sicht der Eltern auf Kommunalpolitischer Instanz :evil: :

P R E S S E E R K L Ä R U N G

Presseerklärungen des StEB aus dem Stadtelternbeirat Frankfurt
2007
Pressemitteilung des Stadtelternbeirats:
Bilanzierung von einem Jahr "Unterrichtsgarantie Plus - verlässliche Schule" an Frankfurter Schulen
Auswertung der Fragebogenaktion des Stadtelternbeirates Frankfurt am Main



Welche Erfahrungen wurden an den Frankfurter Schulen im ersten Schuljahr mit Unterrichtsgarantie-Plus (U-Plus) gesammelt?

Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich ein Fragebogen des StEB, der im Mai an die Schulelternbeiräte von Frankfurter Schulen verschickt wurde. An der Befragungsaktion beteiligten sich 20 Grundschulen, 3 Gesamtschulen und 3 Gymnasien, die ca. 20% der Frankfurter Schulen repräsentieren. So aufschlussreich die Befragung auch ist, ersetzt sie doch keinesfalls eine wissenschaftlich fundierte Evaluation, wie sie nach einem solch gravierenden Einschnitt in der Schullandschaft durch die U-Plus dringend erforderlich ist und vom Hessischen Kultusministerium in Auftrag gegeben werden müsste.

Gefragt wurde u.a. nach der Qualifikation der in den U-Plus-Pools vertretenen Kräfte und ihrem Anteil am geleisteten Vertretungsunterricht, nach der Qualität des Vertretungsunterrichts und den sich daraus ergebenden Verbesserungen bzw. Verschlechterungen. Abschließend wurden die Schulleitungen und Elternvertreter gebeten, der Kultusministerin eine Note für die Umsetzung der von ihr eingeführten Unterrichtsgarantie zu geben.

Zweidrittel der Befragten benoteten U-Plus mit mangelhaft und ungenügend. Die anderen Schulen vergaben die Noten ausreichend und befriedigend, eine Schule vergab die Note eins, wobei aus der Beantwortung der inhaltlichen Fragen ersichtlich wurde, dass bei den Noten teilweise die Unterrichtsgarantie als solche und nicht in erster Linie die Umsetzung gemeint war. Auch auf die Frage, wie effektiv der Unterricht durch U-Plus-Kräfte ist, entschied sich ein Drittel für mangelhaft und ungenügend, nur 20% halten den Unterricht für effektiv :!: Die Mehrheit der Elternvertreter ist der Meinung, dass der erteilte Vertretungsunterricht keine Defizite ausgleicht, die durch den Ausfall des regulären Unterrichts entstehen. Im Gegenteil ergeben sich in den schriftlichen Ausführungen zahlreiche Verschlechterungen im Zusammenhang mit dem Einsatz der U-Plus-Kräfte. Neben der fehlenden pädagogischen Qualifikation der U-Plus-Kräfte wird mehrfach eine Verunsicherung der Kinder vorgestellt, die zu einem erhöhten Konfliktpotential in den Klassen und bis hin zu teilweise „ausgeflippten“ Kindern führe. Viele U-Plus-Kräfte würden versuchen „irgendwie über die Zeit zu kommen, alle Probleme würden den zurückkehrenden Lehrern hinterlassen, die dann viel Schlichtungs- und Beruhigungsarbeit in den Klassen leisten müssten. Ebenfalls mehrfach bemängelt wurde der Ausfall von Förderunterricht, Projekttagen, Kleingruppenarbeit und Arbeitsgruppenangeboten. Beklagt wurde von der überwiegenden Mehrheit der Schulen außerdem der hohe Verwaltungs- und Vorbereitungsaufwand für Schulverwaltung und Lehrkräfte. Trotz der vielfach geäußerten Kritik gehört der Einsatz von U-Plus-Kräften inzwischen zum Schulalltag: In den befragten Schulen werden etwa 50% der Vertretungsstunden aus dem U-Plus-Pool bestritten, bei den Grundschulen mit einer Unterrichtsverpflichtung von 30 Wochenstunden pro Lehrkraft werden sogar in 3 von 4 Vertretungsstunden U-Plus-Kräfte eingesetzt.

Die Qualifikation von U-Plus-Kräften – so die Eltern – deckt das gesamte gesellschaftliche Spektrum ab: An den Grundschulen bestreiten vielfach Mütter mit unterschiedlicher Ausbildung den Vertretungsunterricht. Auch dort befinden sich ebenso wie in den beiden anderen Schulformen überwiegend Lehramtsstudenten im Pool. Aber auch zahlreiche Vertreter verschiedenster Berufsrichtungen ohne pädagogische Ausbildung wie Postobersekretärinnen, EDV-Spezialisten, Gebäudeenergieberater übernehmen seit einem Jahr in Frankfurter Schulen die Rolle von Lehrern. Die Zusammensetzung im Pool entspricht jedoch oft nicht dem tatsächlichen Qualifikationsniveau: Von den im Pool befindlichen Kräften kommen i.d.R. nur wenige zum Einsatz, darunter oft pädagogisch nicht oder gering Qualifizierte, die oft zeitlich flexibler einsetzbar sind als Lehramtsstudenten. Dieser Trend könnte sich - auch nach Einschätzung des Staatlichen Schulamtes - mit der Verschärfung der Studienordnung im nächsten Schuljahr verstärken. Doch auch pädagogisch geschulte Kräfte werden nicht von der Kritik der Eltern ausgenommen. So beklagten auch die Eltern der Gymnasien mit einem relativ gut ausgestatteten Pool u.a. . fehlende Fachqualifikation und Autorität sowie hohe Fluktuation :? .

Eine Verbesserung durch U-Plus sehen Eltern aller Schulformen in Bezug auf die Verlässlichkeit der Schulen, die eine Beaufsichtigung ihrer Kinder gewährleistet, nicht aber die didaktische und pädagogische Qualität; teilweise wird auch auf eine Entlastung von Lehrkräften verwiesen. Aber auch wenn an einzelnen Schulen „gute Pools“ vorhanden seien, so sind sich die Elternvertreter einig, könne ein guter Unterricht - auch in Vertretung - nur durch personale Kontinuität, und die Einstellung von ausreichend qualifiziertem Personal erreicht werden. Es bestätigt sich auch in der Praxis, dass der Name "Unterrichtsgarantie-Plus" lediglich eine Werbeformel ist und dass die Reform von vornherein eine Fehlkonzeption war: Erst ab der dritten ausfallenden Stunde muss im Vertretungsfall Fachunterricht erteilt werden, dies aber nicht in dem ausfallenden Fach, sondern in irgendeinem Fach, so dass die ausgefallenen Fachunterrichtsstunden und die dadurch entstehenden Defizite nicht kompensiert werden.

Als Fazit der Auswertung der Fragebogenaktion hält Dr. Sven Bade, Vorsitzender des Stadtelternbeirat Frankfurt fest:

„In einer echten Unterrichtsgarantie ersetzt der Vertretungsunterricht den ausfallenden Fachunterricht, damit den Schülern kein Nachteil entsteht. Dies ist aber bei U-Plus nicht der Fall - die Reform taugt also nichts. Es werden 32 Millionen Euro Steuergelder sinnlos verschwendet, anstatt sie in Stellen für Lehrer, Sozialpädagogen und Schulpsychologen zu investieren, die die Schulen dringend brauchen :o . Außerdem werden Lehrer mit bürokratischem Mehraufwand überhäuft, der Zeit und Kraft kostet, welche besser in Unterrichtsvor- und -nachbereitung sowie in die Förderung von Schülern investiert werden sollten.“

Wilfried Volkmann

Stadtelternbeirat Frankfurt am Main

Kritik an U-Plus aus Schülersicht :evil: :

Frankfurter Rundschau v. 05.10.2006, S.34, Ausgabe: S Stadt

"Wir vertrödeln nur die Zeit"



Schüler streiken an der Friedrich-Ebert-Schule gegen Unterrichtsgarantie Plus / Weitere Aktionen geplant

An der Friedrich-Ebert-Schule in Seckbach waren die Unterrichtsräume am Mittwoch zwischen 8 Uhr und 13.20 Uhr verwaist, weil die Schüler streikten. Sie protestierten gegen die Unterrichtsgarantie Plus der hessischen Landesregierung.

Seckbach • Wer von den rund 530 Schülern in den Klassen 5 bis 10 am Mittwochvormittag am Unterricht teilnehmen wollte, hätte dies ungehindert tun können. "Aber nur wenige haben das gemacht, vielleicht gerade mal 20 Schüler sind hingegangen. Alle anderen haben mit uns gestreikt", berichtete Schülersprecher Guillaume aus der Klasse 10c. "Mit der Aktion wollten wir öffentlich darauf aufmerksam machen, dass die Unterrichtsgarantie Plus in der Praxis überhaupt nicht funktioniert." Wenn Stunden ausfielen, weil Lehrer fehlten, sollten die Schüler nach Hause geschickt werden, damit sie Hausaufgaben machen könnten, fordert Guillaume. Denn in der Schule säßen die Schüler nur herum und "vertrödeln die Zeit". Es sei nicht sinnvoll, "uns in den Ausfallstunden irgendwelche Leute vor die Nase zu setzen, bloß damit die Politiker sagen können, dass es keine Ausfallstunden mehr gibt. Es bringt nichts, irgendwelche Kräfte einzustellen, die nichts mit uns anfangen können und wir nicht mit ihnen."

Kritik an den Aushilfskräften

Auch Rina, Chirin, Amanda und Tamara aus der 9d der Integrierten Gesamtschule sind unzufrieden mit den Aushilfskräften, die sie betreuen, wenn ein Lehrer ausfällt. "Wir sitzen da nur herum. Unterricht kann man das nicht nennen. Und was da passiert, entspricht oft gar nicht dem Unterrichtsfach, das auf dem Programm steht." So sieht das auch Jaqueline aus der 8a, die wie andere Schüler während des Streiks ein gelbes T-Shirt mit der Aufschrift "Für Solidarität und freie Bildung" übergestreift hat. "Wenn der Unterricht ausfallen muss, dann wollen wir diese Stunden sinnvoll ausfüllen und nicht irgendwie", sagt Jaqueline.

Die Friedrich-Ebert-Schüler wollten ihre Unzufriedenheit in die Öffentlichkeit tragen. Mit ihrer Aktion erregten sie sogar die Aufmerksamkeit einer privaten TV-Station. Lehrerin Hedi Walter, die als Verbindungsfrau zwischen Schülern und Kollegium figuriert, hatte für das Aufbegehren Verständnis. "Ich sympathisiere mit den Schülern. Vor allem für die Älteren sind die Vertretungen von außen keine Lösung. Sie fühlen sich dabei eher wie aufbewahrt", sagt die Pädagogin. "Der Unterricht lebt nun mal von der Beziehung, die der Lehrer zu den Schülern aufbauen kann. Das ist bei den Vertretungen kaum möglich", fügt sie mit Blick auf den Vertretungspool mit rund 20 Leuten an.

Statt die Ausfallstunden mehr schlecht als recht zu überbrücken, sollten Hedi Walter zufolge mehr Fachkräfte eingestellt werden. Allein an der Friedrich-Ebert-Schule fehle mindestens eine Lehrkraft, damit Fächer wie Religion, Französisch, Mathematik, Deutsch und das Wahlpflichtfach Technik in allen 22 Klassen vernünftig abgedeckt werden können. "Auch wir wollen nicht, dass Stunden einfach ausfallen.

Aber die Politiker sollen sehen, dass wir ihre Lösungen nicht so einfach hinnehmen", unterstreichen Schülersprecherin Malek aus der 10c und ihr Kollege Maximilian aus der 10a. Die Streiks würden weitergehen. "Wir wissen, dass andere Schulen ähnliche Aktionen planen", sagt Maximilian. "Es könnte sogar zu einem gemeinsamen Schulstreik in der ganzen Stadt kommen."

Andreas Müller

:!: Interessant zu sehen wie viele Kritikpunkte doch zu diesem Thema aufkommen können. Insbesondere die unterrichtspraktischen Erfahrungen der Schüler lassen aufhorchen, können jedoch nicht als Maßstab für die Qualität des Vertretungsunterrichts an anderen Schulen gelten :!:
SELBST-Konzept®
(Selbstverteidigung & Selbstbehauptung)
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Re:

Beitragvon LarsL » 11.03.2010, 18:48:53

[quote="sebbi"]
Selbst Schüler haben schon die Nase voll, an der Frankfurter Helmholtzschule protestierten fast tausend Gymnasiasten gegen chaotische Vertretungskräfte." [/quote]

Naja, ich bin mir sicher, daß man Schüler gegen jeden Scheiß protestieren lassen kann! Schülern reicht es doch oft schon, wenn sie nur die Erlaubnis bekommen gegen irgendwas auf die Straße zu ziehen. Ich weiß nicht ob Ihr die Nachrichten gesehen habt, in denen über die Proteste gegen das G8 berichtet wurde. Dort waren ziemlich viele Schüler, die gar nicht wussten worum es überhaupt geht, Hauptsache Schulfrei!
Das war bei uns 1990 genau das Selbe, wir sind damals alle gegen den Irak-Krieg auf die Strasse gegangen, dabei wussten wir zum größten Teil noch nichtmal wo das liegt!
LarsL
 
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