Gesprächsführung: Reaktion auf falsche Antworten?

Fragen & Antworten zu didaktischen Problemen, methodische Kniffe für den nächsten Unterrichtsbesuch usw.
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maxdachs
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Registriert: 04.03.2018, 17:59:34

Gesprächsführung: Reaktion auf falsche Antworten?

Beitrag von maxdachs »

Hi,
bin zwar schon seit einem Jahr mit dem Ref fertig, möchte aber jetzt den Wechsel an eine neue Schule nutzen, um meine Gesprächsführung und besonders den Umgang mit Schülerantworten zu verbessern, das wurde bei mir stets kritisiert.
Habe mir im Netz jetzt einige Sachen durchgelesen, wo wichtige Punkte und allgemeine Strategien erklärt wurden und das hat mir an sich auch noch mal sehr geholfen, ein paar Sachen sind mir aber immer noch unklar, vor allem
1. der Umgang mit falschen Schülerantworten
2. Klärung/Beantwortung der Frage am Ende des Gesprächs

Man soll ja generell immer mehrere SuS hintereinander drannehmen und erst mal sammeln. Dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, um die Frage noch mal an die Klasse zurückzugeben - also z.B. noch mal 2,3 unterschiedliche Antworten zusammenfassend gegenüberstellen und die Klasse fragen, für welche dieser Optionen sie sich jetzt entscheiden würden.
Aber: mal ganz davon abgesehen, dass man das ja auch nicht immer machen kann und es vielleicht auch nicht immer klappt (falsche Antworten sind ja kein Randphänomen von Einzelnen), ist das dann ja schon irgendwie ein direktes abcanceln des Schülers xy, der diese Antwort gebracht hat. Also, indem ich die Beiträge noch mal so gegenüberstelle und dann einer als richtig erkannt wird, ist das ja auch noch mal ne ziemliche Aufmerksamkeit, die auf die falsche Antwort gelegt wird. Das ist natürlich wenig erbaulich für den betreffenden Schüler.
Ich habe es bisher eigentlich immer so gemacht, dass ich dann nur auf die richtige Antwort eingegangen bin, aber das finde ich auch sehr schwierig. Für mich persönlich gibt es da auch immer einen großen Hang zum Lehrerecho... Ich weiß, dass das scheiße ist, aber was soll man groß anderes sagen, wenn ein Schüler die richtige Antwort gesagt hat? "Ja, der Andreas hat recht" oder sowas kann man natürlich sagen, klingt für mich aber auch irgendwie komisch.
Aber irgendwas muss man ja sagen, die Schüler müssen ja wissen, was jetzt richtig ist.

Wäre schön, wenn mir jemand Anregungen, Beispiele etc. geben könnte, wie ihr das so löst.
P.S. die betreffende Schule ist eine Berufsschule/ein Berufliches Gymnasium, also schon ältere Klientel.

Danke
Max

tignola
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Registriert: 10.05.2017, 23:21:30

Re: Gesprächsführung: Reaktion auf falsche Antworten?

Beitrag von tignola »

Hallo Max, ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen und habe keine beste Lösung. Mir fiel aber spontan ein, dass man auch falsche Schülerantworten (so man sie denn in der von dir beschriebenen Gegenüberstellung noch einmal erwähnt) würdigen kann. Man könnte z.B. nach der Auflösung der richtigen Antwort in die Klasse die Frage geben, was wohl der Gedankengang war, der zu der falschen Antwort führte und welche Aspekte daran vielleicht trotzdem richtig oder komplex/kreativ/... waren. Natürlich bietet sich nicht jedes Thema dafür an, je komplexer das Thema und die Antwort, desto eher wird man solche Aspekte finden und desto eher nimmt man sich ja überhaupt nur die Zeit, so intensiv über einzelne Antworten nachzudenken.

Yubel
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Re: Gesprächsführung: Reaktion auf falsche Antworten?

Beitrag von Yubel »

maxdachs hat geschrieben:Hi,
bin zwar schon seit einem Jahr mit dem Ref fertig, möchte aber jetzt den Wechsel an eine neue Schule nutzen, um meine Gesprächsführung und besonders den Umgang mit Schülerantworten zu verbessern, das wurde bei mir stets kritisiert.
Habe mir im Netz jetzt einige Sachen durchgelesen, wo wichtige Punkte und allgemeine Strategien erklärt wurden und das hat mir an sich auch noch mal sehr geholfen, ein paar Sachen sind mir aber immer noch unklar, vor allem
1. der Umgang mit falschen Schülerantworten
2. Klärung/Beantwortung der Frage am Ende des Gesprächs

Man soll ja generell immer mehrere SuS hintereinander drannehmen und erst mal sammeln. Dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, um die Frage noch mal an die Klasse zurückzugeben - also z.B. noch mal 2,3 unterschiedliche Antworten zusammenfassend gegenüberstellen und die Klasse fragen, für welche dieser Optionen sie sich jetzt entscheiden würden.
Aber: mal ganz davon abgesehen, dass man das ja auch nicht immer machen kann und es vielleicht auch nicht immer klappt (falsche Antworten sind ja kein Randphänomen von Einzelnen), ist das dann ja schon irgendwie ein direktes abcanceln des Schülers xy, der diese Antwort gebracht hat. Also, indem ich die Beiträge noch mal so gegenüberstelle und dann einer als richtig erkannt wird, ist das ja auch noch mal ne ziemliche Aufmerksamkeit, die auf die falsche Antwort gelegt wird. Das ist natürlich wenig erbaulich für den betreffenden Schüler.
Ich habe es bisher eigentlich immer so gemacht, dass ich dann nur auf die richtige Antwort eingegangen bin, aber das finde ich auch sehr schwierig. Für mich persönlich gibt es da auch immer einen großen Hang zum Lehrerecho... Ich weiß, dass das scheiße ist, aber was soll man groß anderes sagen, wenn ein Schüler die richtige Antwort gesagt hat? "Ja, der Andreas hat recht" oder sowas kann man natürlich sagen, klingt für mich aber auch irgendwie komisch.
Aber irgendwas muss man ja sagen, die Schüler müssen ja wissen, was jetzt richtig ist.

Wäre schön, wenn mir jemand Anregungen, Beispiele etc. geben könnte, wie ihr das so löst.
P.S. die betreffende Schule ist eine Berufsschule/ein Berufliches Gymnasium, also schon ältere Klientel.

Danke
Max

Hallo,
der Umgang mit Antworten von Schülerinnen und Schülern richtet sich meistens nach dem Anforderungsbereich. Diesen legst Du durch Deinen genutzten Operator fest. Demnach kannst Du durchaus nach einer Antwort die Frage als beantwortet gelten lassen, bist Du zum Beispiel im Anforderungsbereich I (Reproduktion) unterwegs, weil es dort grundsätzlich nur um Inhalts- oder Wissenswiedergabe geht. Umgekehrt geht es im Anforderungsbereich III (Reflexion und Problemlösung) darum, Antworten zu sammeln und in Diskussionen zum Beispiel zu überspitzen, damit andere sich Schülerinnen und Schüler zu einer Meldung provoziert fühlen und damit die Diskussion am Laufen halten. Du siehst, es hängt davon ab, auf welchem Niveau Du Dich gerade bewegst - aber das ist nur meine Meinung. Falls Du Dich dafür interessierst, findest Du die Anforderungsbereiche und die Operatoren in den Bildungsstandards und den curricularen Vorgaben oder den Bildungsplänen Deines Landes.

Dementsprechend könntest Du meiner Meinung nach auch mit den falschen Antworten von Schülerinnen und Schülern umgehen: Neben der raschen Rückmeldung, ob eine Antwort korrekt, in Teilen korrekt, oder falsch ist, gehört vor allem im Anforderungsbereich I dazu, zu fragen, wie die Schülerin oder der Schüler auf diese Antwort kommt, um Fehler schnell zu beseitigen. In den Anforderungsbereichen II und III könnten dann stärker die Erklärungen und Argumente hinterfragt werden, zum Beispiel durch übertreiben, provozieren oder hinterfragen.
Eine Hilfe für die Führung von Unterrichtsgesprächen findest Du hier:

Lehner, Martin: Erklären und Verstehen. Eine kleine Didaktik der Vermittlung. Bern 2018.
Meyer, Barbara: Rhetorik für Lehrerinnen und Lehrer. Basel/Weinheim 2014.
Viele Grüße

Yubel

maxdachs
Beiträge: 20
Registriert: 04.03.2018, 17:59:34

Re: Gesprächsführung: Reaktion auf falsche Antworten?

Beitrag von maxdachs »

Hey yubel,
vielen Dank für deine hilfreiche Antwort.
Demnach kannst Du durchaus nach einer Antwort die Frage als beantwortet gelten lassen, bist Du zum Beispiel im Anforderungsbereich I (Reproduktion) unterwegs, weil es dort grundsätzlich nur um Inhalts- oder Wissenswiedergabe geht
klingt eigentlich selbstverständlich, war mir jetzt aber so konkret nicht bewusst. Das hilft mir schon weiter. Dann würdest du im AB I auch generell nicht noch weitere SuS dran nehmen, wenn der erste die Frage schon beantwortet hat?
Umgekehrt geht es im Anforderungsbereich III (Reflexion und Problemlösung) darum, Antworten zu sammeln und in Diskussionen zum Beispiel zu überspitzen, damit andere sich Schülerinnen und Schüler zu einer Meldung provoziert fühlen und damit die Diskussion am Laufen halten
Ja, da kann ich mir was drunter vorstellen. Ein Stück weit mache ich das auch, aber klingt sinnvoll, sich da mal gezielter mit zu befassen.
Dementsprechend könntest Du meiner Meinung nach auch mit den falschen Antworten von Schülerinnen und Schülern umgehen: Neben der raschen Rückmeldung, ob eine Antwort korrekt, in Teilen korrekt, oder falsch ist, gehört vor allem im Anforderungsbereich I dazu, zu fragen, wie die Schülerin oder der Schüler auf diese Antwort kommt, um Fehler schnell zu beseitigen.
Auch das klingt für mich an sich sehr logisch, bei dem Vorgehen hätte ich aber jetzt schon Bedenken, dem Schüler da zu sehr zuzusetzen, indem ich seine falsche Antwort so thematisiere.
Keine Ahnung, wahrscheinlich bin ich da aus dem Ref nur etwas über sensibilisiert, aber ich habe eigentlich auch gedacht, dass man falsche Antworten thematisieren kann, wenn man es sachlich und nett macht.

Die von dir genannten Bücher werde ich mir ansehen!
Danke

Yubel
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Re: Gesprächsführung: Reaktion auf falsche Antworten?

Beitrag von Yubel »

maxdachs hat geschrieben: Dann würdest du im AB I auch generell nicht noch weitere SuS dran nehmen, wenn der erste die Frage schon beantwortet hat?
Grundsätzlich mache ich das, aber es gibt meiner Meinung nach auch da noch einen Unterschied, ob Du

a) das Simple Past des Verbs "take" abfragst (hier gibt es nur eine richtige Antwort), oder
b) die Inhaltsangabe einer Kurzgeschichte besprichst (hier gibt es verschiedene richtige Lösungen).

Im Falle von a) würde ich tatsächlich nach der richtigen Antwort einen Schritt weitergehen. Im Falle von b) würde ich mir schon zwei bis drei Inhaltsangaben anhören. Wenn ich Zeit sparen möchte, sammle ich sie alle oder anteilig an und schaue sie durch. Hier ist es hilfreich, selbst diese Inhaltsangabe zu schreiben, oder alternativ Stichworte als Kriterien für eine "richtige" und eine "falsche" Inhaltsangabe festzulegen. Das waren jetzt nur Beispiele, aber vielleicht ist deutlich geworden, worum es geht.
Was Du meinst und auch was erstrebenswert ist, ist eine positive Fehlerkultur. Dazu gehört tatsächlich, das Klassenzimmer als angstfreien Raum zu gestalten und produktiv mit Fehlern umzugehen. Natürlich geschieht das in einer freundlichen Atmosphäre, schließlich machen wir alle Fehler, aber es sollte schon deutlich werden, wo noch Verbesserungen vorgenommen werden müssen. Einen Fehler dagegen groß zu thematisieren halte ich nur für sinnvoll, wenn tatsächlich mehrere den gleichen Fehler gemacht haben, weil das ein Indikator für die eigene Fehlplanung sein kann.
Die Angaben zur positiven Fehlerkultur habe ich im Übrigen aus folgendem Sammelband entnommen:
Bartels, Frederike/Vierbuchen, Marie-Christine (Hg.): Feedback in der Unterrichtspraxis. Schülerinnen und Schüler beim Lernen wirksam unterstützen. Stuttgart 2019.
Viele Grüße

Yubel

maxdachs
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Re: Gesprächsführung: Reaktion auf falsche Antworten?

Beitrag von maxdachs »

klingt gut, danke dir.
Der Umgang mit Fehlern an sich ist jetzt erst mal immer noch ein bisschen schwammig für mich, werde mir aber den von dir genannten Text anschauen und hoffe, dass da Näheres drin steht.

Viele Grüße

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