Unsicher durch ständige Beobachtung

Wer sich seine Sorgen und Nöte mit dem Referendariat von der Seele reden will, ist hier richtig. Vielleicht gibt es ja jemanden, der einen guten Rat hat.
isogk
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Unsicher durch ständige Beobachtung

Beitrag von isogk »

Ich bin seit ein paar Monaten im Ref und es läuft in einem Fach wirklich nicht gut. Ich glaube es sind viele Dinge, die dazu führten, dass es jetzt so ist wie es ist. Ich bin leider schon mit Versagensängsten ins Ref, die immer größer wurden sobald Kritik geäußert wurde. Diese hatte ich aber nur in diesem Fach, da es ein Hauptfach ist. Richtig lange unterrichte ich noch gar nicht, da man mich am Anfang lange hospitieren ließ. Aber als ich dann um mehr Stunden bat (ist ja auch so vorgesehen) hagelte es (berechtigte) Kritik. UBs schlecht, normaler Unterricht schlecht. Laut, fachlich nicht toll, ich war planlos. Mein Problem: ich war unsicher und wurde dadurch noch unsicherer, strahle das aus. Ich bin oft überfordert, weil ich nicht weiß wie man am besten plant und ich diesen ständigen Druck spüre. Trotz Eigenverantwortlichkeit à 8h gesamt seit Februar habe ich nur drei Stunden alleine (davon zwei im Fach in dem es eigentlich gut läuft, 1 im Hauptfach aber Schulbegleitung mit drin). Das wurde aufgrund meiner Unsicherheit und aufgrund von eh verfügbaren Doppelsteckungen so vereinbart. Diese ständige Beobachtung macht mich fertig. Ich traue mich nichts auszuprobieren. Es war so schlimm, dass ich diesbezüglich bereits ein Gespräch mit meinen Seminarleitern hatte, weil man aufgrund meiner privaten Situation (Kinder) Überforderung vermutete. Nun lief es ca. einen Monat besser, aber nicht gut. Ich habe mich echt hingesetzt, mich belesen, um meine fachliche Unsicherheit zu reduzieren. Nun war meine Mentorin (wir verstehen uns gut) aber länger krank. Nun bekam ich Elternbeschwerden über Hausaufgaben und Disziplinarmaßnahmen. Ich fiel wieder in ein Loch, die Stunden nach der Beschwerde waren grottig. Nun der nächste Fehler...ich habe den ersten Test viel zu spät wiedergegeben. Ich schäme mich für diese Unprofessionalität. D.h. kurz gesagt: alle zweifeln gerade an mir, vor allem ich selbst.
Obwohl ich - ich denke aufgrund der Unsicherheit - auch oft noch Probleme mit der Lautstärke etc. habe, möchte ich eigentlich unterrichten. Aber nicht mit diesem Druck. Dieser ständigen Beobachtung.

Gibt es hier ähnliche Situationen, die mir Hoffnung machen, dass sie es knapp geschafft haben und nun aber glücklich im Beruf sind?

Einer Freundin ging es ähnlich und ist heute glücklich und zufrieden im Beruf. Aber gibt es noch mehr positive Beispiele, dass es trotz massiver berechtigter Kritik besser wurde sobald der Druck raus ist? Obwohl ich momentan gar nicht weiß, ob ich so überhaupt bestehe...

Jméno
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Re: Unsicher durch ständige Beobachtung

Beitrag von Jméno »

Auch wenn dir das jetzt vielleicht erst einmal Angst macht: Wir sind Lehrer. Wir stehen immer unter Beobachtung! Wir stehen den gesamten Vormittag unter Beobachtung von rund 30 Paar Augen, die jede Bewegung, jede Unsicherheit, jedes Augenzwinkern, jedes Detail aufsaugen wie ein Schwamm (wenn sie doch bloß so viel Neugier auf den Stoff verwenden würden!). Meine SuS kennen den Inhalt meines Kleiderschranks besser als ich, kennen meine typischen Eigenarten und Kommentare.

In diesem Sinne halte ich es für das Gesündeste für dich, wenn du nicht versuchst, an der einen, speziellen Beobachtung etwas zu ändern – denn das wird nicht eintreten, Lehrer arbeiten nun mal per definitionem nicht allein –, sondern an deiner Grundhaltung zu dieser (bzw. irgendeiner) Art der Beobachtung.
…он је метафора, начин живота, угао гледања на ствари!

isogk
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Re: Unsicher durch ständige Beobachtung

Beitrag von isogk »

Vielen Dank für die schnelle Antwort. Mir ist klar, dass ich auch nach dem Ref unter Beobachtung stehe. Die Beobachtung der Kinder macht mir nichts aus. Es sind die Erwachsenen im und außerhalb des Unterrichts. Mit der Zeit wird man sicherer, aber ich unterrichte die Inhalte nun mal zum ersten Mal und gleich mehrere bekommen meine Fehler mit. Wir sind mindestens! zu dritt im Raum...

Ich unterrichte mein zweites Fach betreut auch in der Klasse. Auch hier wirke ich deutlich unsicherer als in den anderen beiden Klassen - weil ich nicht alleine bin und alle um meine aktuell beschissene Situation Bescheid wissen und mir immer gleich die ganzen Fehler gesagt werden. In den anderen beiden Klassen bin ich so viel lockerer. In einer Klasse bin ich auch zu zweit drin, aber da werde ich nicht so auseinandergenommen bzw. Es baut auch nichts aufeinander auf. Auch habe ich da nicht die Angst hab, dass sich Eltern groß beschweren. Meine UBs liefen da gut oder sehr gut.
Im Hauptfach bin ich wie gesagt von Anfang an mit schlechtem Gefühl gestartet. Ich kannte die Seminarleiterin zuvor und wusste dass sie extrem anspruchsvoll ist (sagen alle, nicht nur ich). Ich weiß auch, dass ich nicht die einzige bin, die zum Gespräch musste.

Mir ist klar, dass es vor allem an meiner eigenen Grundhaltung liegt und dass sich vieles darauf beziehen lässt und ich trotz des Drucks aus meinem Loch muss.

Ich würde nur einfach gern wissen, ob es anderen ähnlich ging und dann aber nach dem Ref ohne den Druck durch ständige Beobachtung besser wurde?

kecks
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Re: Unsicher durch ständige Beobachtung

Beitrag von kecks »

leistungssituationen sind sehr fordernd, persönliche große versagensängste noch mehr, gar keine frage. ich glaube, dieser aspekt des refs ist für jeden belastends, muss er aber auch sein. ja, es wird besser, sobald du gelernt hast, zu unterrichten. das dauert und ist sehr fordernd, es ist eben kein einfacher job sondern einer mit ziemlich komplexen anforderungen. aber es wird. du wirst das lernen. vielleicht hilft es dir, wenn du dich anderweitig entlasten kannst - was zum abschalten, sport, kultur, deine kinder, natur, dein partner... was auch immer. und/oder therapeutische begleitung? wenn du selbst zahlst, muss das auch nicht mit diagnose einhergehen und später u.u. probleme bei der verbeamtung machen.

wird schon, bleib dran, beißen, lernen, schaffen.

Maximer
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Re: Unsicher durch ständige Beobachtung

Beitrag von Maximer »

isogk hat geschrieben: Ich würde nur einfach gern wissen, ob es anderen ähnlich ging und dann aber nach dem Ref ohne den Druck durch ständige Beobachtung besser wurde?
Ja natürlich geht es vielen im Ref ähnlich wie dir. Ich hatte auch eine sehr schwierige Phase, Disziplinprobleme in einer als schwierig bekannten Klasse (aber nur beim Reffi wurde deshalb ein kleiner Aufstand veranstaltet) und hatte zeitweise Schulleitung und diverse Beobachter hinten drin sitzen. Zeitweise hab ich einfach wie eine Maschine Tag für Tag hinter mich gebracht, bin mit einem innerlichen "jetzt greif ich an!" in den Unterricht marschiert und so hab ich das gesehen und empfunden, nämlich als Schlacht, die man irgendwie durchstehen muss.

Hinterher wird alles sehr viel leichter. Erstmal hab ich gar nichts mehr großartig vorbereitet, weil ich die Schnauze voll hatte. Und siehe da, es geht auch ohne zweistündige Vorbereitung auf jede popelige Schulstunde. Ich schaff es mittlerweile, einen ganzen Schultag (meist 6 Stunden am Stück) innerhalb von ca. 2 Zeitstunden vorzubereiten. Klar sind das keine Vorführstunden mehr, aber die SuS lernen was bei mir und oft haben wir sogar Spaß dabei.

Konzentriere dich auf deine Stärken, hadere nicht zu viel herum an dir und zieh eine Sache konsequent durch. Entscheide dich für eine Angriffsstrategie und dann ab in die Schlacht. Mir hat mal ein Fachleiter im Vertrauen gesagt, dass das Ref ein Belastungstest ist und so würde ich das auch sehen. Die wollen dich klein bekommen und austesten, ob du einknickst oder deinen Mann stehst.

Da ist ja auch was dran, denn später wirst du auch ständig auf deine Standfestigkeit getestet von den SuS und Eltern etc., wer mit hängenden Schultern durchs Leben schleicht, wird in dem Job wahrscheinlich auf Dauer nicht glücklich.

Fazit: Werde hart, lass abprallen und zieh dein Ding durch!

isogk
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Re: Unsicher durch ständige Beobachtung

Beitrag von isogk »

Vielen Dank - das macht Mut!

Die Klasse wird auch von anderen Fachlehrern als lebendig beschrieben, bei meiner Mentorin und Klassenlehrerin sind sie in der Regel super dabei. Im Gegensatz zu den anderen Fachlehrern habe ich die Klasse allerdings häufiger, da Haupt- und Nebenfach. Nur eben noch nicht sooooo lange.
Ich weiß aber, dass es oft an mir liegt, was natürlich auch an meiner Unsicherheit liegt und ich oft noch an viele Dinge nicht denke. Dass mir jetzt auch noch grobe Fehler mit den Hausaufgaben sowie Rückgabe eines Tests passiert sind, wirft natürlich kein gutes Bild auf mich. Ich habe mich so auf die Vorbereitung der Stunden konzentriert bzw. mir das Fachliche nochmal besser anzueignen, dass ich andere Dinge in den letzten zwei Wochen beinahe ausgeblendet habe. Ist jetzt peinlich, aber da muss ich wohl durch.

Maximer
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Re: Unsicher durch ständige Beobachtung

Beitrag von Maximer »

isogk hat geschrieben:Dass mir jetzt auch noch grobe Fehler mit den Hausaufgaben sowie Rückgabe eines Tests passiert sind, wirft natürlich kein gutes Bild auf mich. Ich habe mich so auf die Vorbereitung der Stunden konzentriert bzw. mir das Fachliche nochmal besser anzueignen, dass ich andere Dinge in den letzten zwei Wochen beinahe ausgeblendet habe. Ist jetzt peinlich, aber da muss ich wohl durch.
Niemand ist perfekt, dir als Reffi fehlen halt die Strategien, Fehlerchen elegant zu kaschieren und man hat oft auch noch ein zu großes Pflichtbewusstsein. Ich habe z.B. immer großspurig die Rückgabe von Arbeiten/Tests angekündigt und den SuS hoch und heilig versprochen. Dann steht man natürlich blöd da, wenn man es doch nicht pünktlich schafft. Kam bei mir auch vor!!

Inzwischen lege ich mich da gar nicht mehr unnötig fest oder lass mich durch Schülerfragen festnageln. Auch bei allem, was deinen Orgaaufwand nach oben schrauben könnte, sei eher dezent zurückhaltend. Hausaufgaben machen vor allem Arbeit für dich als Lehrer, als Referendar hab ich meist keine aufgegeben (gibt eh nur Ärger mit Schülern und Eltern) und auch jetzt bin ich da sehr zurückhaltend. Sie werden immer regelmäßig von schwächeren Schülern bzw. deren Eltern eingefordert, weil die denken, dass dann die Noten besser werden. Aber da die Schüler sie nicht machen und die Eltern sie nicht kontrollieren, ist am Ende immer der Ärger groß und der Ertrag klein.

Zum Punkt zurück: Fehler passieren, schau nach vorn und hausiere nicht mit deinem schlechten Gewissen, das geht niemanden etwas an. Rede dich nicht schlecht, das hab ich viel zu oft selber gemacht und es hat mir nur noch mehr Probleme eingehandelt. Du musst dich gut verkaufen und selbstbewusst nach außen wirken. Nicht überheblich, aber eben eine positive Selbsthaltung ausstrahlen. Das wirkt auch auf die SuS und auf die Kollegen natürlich auch. Wir Menschen sind da recht simpel gestrickt. ;-)

Genug gelabert - pack es an!!!

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