Referendariat (NRW) - Meine Erfahrungen

Wer sich seine Sorgen und Nöte mit dem Referendariat von der Seele reden will, ist hier richtig. Vielleicht gibt es ja jemanden, der einen guten Rat hat.
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Schalker12
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Referendariat (NRW) - Meine Erfahrungen

Beitrag von Schalker12 »

Ich habe jetzt seit mehr als zwei Wochen mein Referendariat bestanden und wollte euch einmal von meiner UPP berichten, die wirklich schrecklich lief und über die ich immer noch sehr verärgert bin. Ich bin definitiv der Meinung, dass mein Fall selten vorkommt und möchte daher angehende Prüfungskandidaten auf gar keine Fall verunsichern. In aller Regel bestätigt sich die Vornote, durchgefallen sind bei uns weniger als 1%. Völlig unfaire, nicht nachvollziehbare Noten kamen in unserem Durchgang kaum vor, viele haben sich am Examenstag auch deutlich verbessert.

Erst einmal kurz zur Zeit bis zum Examen: Es waren anstrengende, aber lehrreiche 14 Monate. Ich hatte anfangs Probleme, guten Unterricht zu planen und durchzuführen, habe mich dann aber durch meine wirklich tollen Fachleiterinnen gesteigert, sodass ich am Ende vom Seminar die Note 1,5 bekam, von der Schule gab es sogar eine 1. Ich konnte alle Noten, auch die schlechten Noten nach meinen ersten drei UBs, immer vollständig nachvollziehen und wurde für meine Reflexionsfähigkeit durchgehend gelobt. Ich hatte, aus meiner Sicht, ein gutes Gefühl für schlechte und gute Stunden entwickelt.

Es ist meine Art, es möglichst allen Recht zu machen und niemanden (vermeintlich) zur Last zu allen, aber es ist wirklich wichtig, dass man Fragen stellt, Hilfe einfordert, aber auch anbietet und Probleme anspricht. Das klingt vielleicht selbstverständlich, aber je nachdem, wie der eigene Charakter ist, ist es das nicht.

Jetzt zur UPP: Das Schlimmste vorweg; ich bekam für die die UPP-Stunden eine 4, für das Kolloquium eine 1.

Ich war geschockt, traurig und wütend. Die Stunden habe ich wochenlang geplant und bin sie mit mehreren Kollegen durchgegangen. Ich habe in den Stunden nicht hoch gepokert. Es war an ihnen nichts Kontroverses, sondern sie waren grundsolide und durchdacht, aber anspruchsvoll. Die Strukturen der Stunde, Herleitung einer Problemfrage - Sammeln von Vermutungen - Erarbeitung - Präsentation - Sicherung (Überprüfung der Vermutungen und Beantwortung der Leitfrage), war die Gleiche wie in jedem UB, für die ich habe später immer gute Noten bekommen habe. Es lief alles wunderbar und die Lernziele wurden erreicht. Ich kann mir die Noten, und ich bin wirklich kritisch, nicht einmal in Ansätzen erklären. Meine Einschätzung wären, unter sehr strengen Maßstäben, eine gute 3 gewesen. Ich habe die Stunde nicht "geprobt", nicht plagiiert oder sonst etwas in die Richtung getan.

Ich war immer jemand, der "die" Fachleiter erst einmal in Schutz genommen hat, weil es natürlich Reffis gibt, deren Eigen- und Fremdwahrnehmung nicht zusammenpassen, die nicht kritikfähig sind, die Schuld bei anderen suchen usw. Aber nun habe ich erfahren, dass man wirklich Pech haben kann. Es kann natürlich sein, dass ich mich total irre und grobe Fehler geplant und/oder begangen habe, aber ich wüsste wirklich nicht, welches das sein sollten. Meine Ausbildungslehrerinnen und mein Mitreffi, der mich begleitet hat, sind ebenso fassungslos.


Meine Seminar-Fachleiterin will und darf mir zur Prüfung nichts sagen. Sie meinte nur, dass ich sogar fast durchgefallen wäre, was mich noch einmal geschockt hat. Ich hake das Ganze so langsam ab und habe auch keine Lust mehr, über Ursachen nachzugrübeln. Ich versuche jetzt so langsam wieder Freude daran zu entwickeln, dass ich trotz alldem endlich Lehrer bin!

Maximer
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Re: Referendariat (NRW) - Meine Erfahrungen

Beitrag von Maximer »

Schalker12 hat geschrieben:
Meine Seminar-Fachleiterin will und darf mir zur Prüfung nichts sagen. Sie meinte nur, dass ich sogar fast durchgefallen wäre, was mich noch einmal geschockt hat.
So wird es sein. Wegen eines aus der Sicht der Prüfer gravierenden pädagogischen Fehlers wollten dich ein Prüfer durchfallen lassen, ein anderer hat sich für dich verwendet und herausgekommen ist die undankbare 4,0. Vielleicht etwas mit Aufsichtspflicht? Ist ein Schüler einfach raus oder rein und du hast in der Aufregung nichts davon mitbekommen? Bei mir sind in einem UB mal drei Schüler stark verspätet einfach reingekommen und ich habe in der etwas unübersichtlichen Gruppenfindungsphase davon nichts mitbekommen, die Beobachter natürlich schon. Das wurde stark kritisiert, ob das ein Grund zum Durchfallen gewesen wäre, glaub ich aber nicht.

Doof ist für dich, dass du jetzt ziemlich im Regen dastehst und nicht weißt, warum das so bewertet wurde. Kannst du da nicht irgendwie Einsicht in die Begründung bekommen? Zu verlieren hast du ja nix.

Aber Hauptsache ist doch: durch! :)

Max_Cohen
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Re: Referendariat (NRW) - Meine Erfahrungen

Beitrag von Max_Cohen »

Maximer hat geschrieben: Doof ist für dich, dass du jetzt ziemlich im Regen dastehst und nicht weißt, warum das so bewertet wurde. Kannst du da nicht irgendwie Einsicht in die Begründung bekommen? Zu verlieren hast du ja nix.
In NRW ist das nicht möglich. Aus Gründen der Rechtssicherheit wird ein allgemeiner Schrieb als Begründung verfasst, der zur gewünschten Benotung passt. Das entsprechende Formular für Prüfer findet man hier: http://www.lpa1.nrw.de/Formulare/Vorber ... P-2016.pdf

Die für das Nachvollziehen der Prüfungsbewertung de facto erforderlichen Notizen der Prüfer sind nicht Bestandteil der Prüfungsakte, siehe S. 10 in http://www.lpa1.nrw.de/AB2/Staatspruefu ... -innen.pdf

Das Verfahren scheint, wenn man sich entsprechende Urteile der Verwaltungsgerichte durchliest, rechtlich hinreichend wasserdicht zu sein. Fachlich weiß ich aus diversen Gesprächen mit befreundeten Fach- und Schulleitungen natürlich von zahlreichen Mängeln, was die tatsächliche Qualifikation der Prüfer zum Beurteilen von Unterricht angeht. Andererseits ist aus denselben Berichten zu schließen, dass dies durch Würdigung irrelevanter oder wissenschaftlich nicht abgesicherter Kriterien zu eher zu guten Bewertungen führt. Dass jemand für eine Stunde, die nach wissenschaftlich anerkannten Qualitätskriterien auf dem Stand der Fachdidaktik gut geplant war und die problemlos durchgeführt wurde, dann aber eine nicht nachvollziehbar schlechte Bewertung erhalten hätte, ist mir in meinem Fächern (M/PH) noch nicht untergekommen. Im Gegenteil, für beide Fächer weiß ich verlässlich von doch erheblichen Bemühungen, die Bewertung möglichst transparent, einheitlich und auch evidenzbasiert zu gestalten.

Zum Hauptbeitrag kann ich nur sagen, dass dort Indizien genannt werden, die eher der für die Bewertung irrelevanten Sichtstruktur von Unterricht zuzuordnen sind. Wenn die Tiefenstruktur (kognitive Aktivierung, konstruktive Unterstützung, Diagnostik - Classroom Management ist in der UPP eher irrelevant) nicht stimmt, kann auch eine oberflächlich problemlos verlaufene Stunde mit 4-6 bewertet werden.

Schalker12
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Re: Referendariat (NRW) - Meine Erfahrungen

Beitrag von Schalker12 »

@ Maximer: Es gab keinerlei Besonderheiten in den Stunden, die mir oder wem anders aufgefallen sind und die so eine Note rechtfertigen würden. Die Protokolle enthalten leider nur Phrasen, die nur wenig aufschlussreich sind.

Es ist natürlich müßig, die Stunden im Nachhinein zu beurteilen. Ich kann nur so viel sagen, dass man mit sehr guten Vornoten und zwei Stunden, die von mir, meinen Ausbildungslehrerinnen, die jeweils bei einem sehr guten UB dabei waren und meinem Mit-Reffi als sehr gut eingeschätzt wurden, fast durchfallen kann. Und wie gesagt, meine Wahrnehmung und die Wahrnehmung meiner Fachleiterinnen war bis dato im Grunde deckungsgleich.

schotti
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Re: Referendariat (NRW) - Meine Erfahrungen

Beitrag von schotti »

Herzlichen Glüchwunsch zur bestandenen Prüfung. Das ist eine absolute Ausnahmesituation und du hast sie gemeistert.

Bei meiner Prüfung habe ich ähnliches erlebt. Ein eigentlicher 1er Kollege bekam eine 4 und es lag wohl einfach daran, dass er zu nervös war und kaum Unterrichten konnte.

Ich habe meine Prüfung in Niedersachsen gemacht und dort prüfen dich die eigenen Fachleiter, was Vor- und Nachteile hat. Der Vorteil ist, man weiss was erwartet wird und die Vornoten sind meistens sehr ähnlich gegenüber den Prüfungsergebnissen. Die Nachteile liegen auf der Hand, Klüngeleien sind dadurch nämlich Tür und Tor geöffnet.

Zu deinem konkreten Fall:
Wenn du tatsächlich nur bis zur Sicherung gekommen bist und keine Vertiefung in deinen Stunden hattest, wäre dies vielleicht eine Erklärung für die Benotung. Ich weiss nicht, was man in NRW genau vorgibt, aber bei uns wurde in guten Stunden immer eine Vertiefung erwartet. Die Sicherung war gerade das Minimum, um für die Stunde eine 4 zu bekommen.

Und dann konnte man sich notfalls immer noch retten, indem man in der Reflexion alle Schwachpunkte bennenen und Alternativen aufzeigen konnte. Das wird häufig unterschätzt, ist aber vielen Prüfern sehr wichtig. Wie war das bei dir?

Da würde ich an deiner Stelle einfach nochmal bei den anderen Prüflingen nachfragen, ob die mit ihren Stunden vielleicht stärker in die Tiefe gegangen sind. Die Fachleiterin würde ich auch nochmal unter vier Augen ansprechen und nachbohren. Man kann ja schließlich etwas zur Prüfung sagen, ohne etwas zur Prüfung zu sagen.

Linaaa
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Re: Referendariat (NRW) - Meine Erfahrungen

Beitrag von Linaaa »

Mir ist fast genau das Gleiche passiert. Ich war mit 1,0 von Schule und Seminar in NRW vorbenotet. In der Upp habe ich dann für das Kolloqu eine 1,0, für die eine Stunde jedoch eine 4,0 bekommen. Mein Fachleiter sagte mir, der andere Fachleiter hätte nochmal "ein Auge zugedrückt" - also knapp am Nicht-Bestehen vorbei. In dem Moment ist für mich auch eine Welt zusammengebrochen. Ich hatte mich sehr lange auf die UPP vorbereitet und war sicher, dass es eine gute Stunde war.
Naja - heute, über 2 Jahre später, ist es mir eigentlich egal. Meine Gesamtnote war durch die Vorbenotung trotzdem ziemlich gut und ich bekam sofort eine Beamtenstelle. Die Noten interessieren jetzt keinen mehr. Alle Besuche in der Probezeit verliefen wieder sehr gut.
:)
Also: Doof gelaufen, aber kein Beinbruch. Die Welt steht dir offen!

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