Unterricht ist schlecht und wird auch nicht besser..

Wer sich seine Sorgen und Nöte mit dem Referendariat von der Seele reden will, ist hier richtig. Vielleicht gibt es ja jemanden, der einen guten Rat hat.

Re: Unterricht ist schlecht und wird auch nicht besser..

Beitragvon Löwenherz » 01.12.2018, 18:48:53

Ergänzend zu kecks´ tollen Ausführungen: Was hat das Thema mit der Lebenswelt deiner SuS zu tun, an welchem Punkt kannst du sie thematisch "packen" und "mitnehmen"?

Ich kann vieles was du schreibst unglaublich gut nachvollziehen. Habe gerade zu Beginn auch ganz enorm zu kämpfen gehabt mit der didaktischen Reduktion, aber auch der Lernerorientierung, habe auch immer noch im einen Fach damit zu tun die effektive Lernzeit ausreichend zu nutzen bei allen Leistungsniveaus. Da habe ich mich oft gefangen gefühlt zwischen dem Fachwissen aus dem Studium, den teilweise sehr hohen Anforderungen des Bildungsplans, dem, was ich meinen SuS vermitteln soll, der schulischen Realität dafür teilweise nur eine Wochenstunde zur Verfügung zu haben und noch fehlender Erfahrung didaktisch sinnvollen, zielführenden Unterricht zu planen mit dem Ergebnis, dass ich im ersten Halbjahr viel zu verkopft und theorielastig an Themen herangegangen bin. Für meine SuS war das vermutlich oft echt ätzend, gerettet hat mich gerade in UBs, dass ich ein gutes Classroom-Management von Beginn an hatte und die Beziehungsebene stimmte. Letztere ist zumindest bei mir die Basis, um den oben angesprochenen Lebensweltbezug für meine SuS immer besser hinzubekommen, da ich immer besser verstehe, wo "ihre" Themen sind im Bildungsplanthema und wie ich sie auf diese Reise mitnehmen kann.

Meine persönliche Empfehlung wäre es da, damit zu beginnen deine Gym-SuS zu mögen (ganz wichtige Basis für erfolgreiche Beziehungsarbeit), das macht bereits einiges für deine Haltung gegenüber deinen SuS. Kinder und Jugendliche haben sehr feine Antennen für diese Dinge und reagieren entsprechend darauf. Gute Beziehungsarbeit ist damit die Basis, um SuS gerade auch bei längeratmigeren, für sie langweiligeren Themen oder auch einfach nur Freitag 5.und 6.Stunde noch motivieren zu können. Da machen SuS einiges für dich, auch wenn sie erstmal noch nicht sehen, wofür sie es wissen oder verstehen wollen könnten, wenn diese Basis stimmt. Umgekehrt motiviert mich das Vertrauen, dass meine SuS mir schenken, an meinen Schwachstellen weiterzuarbeiten, um ihnen besseren Unterricht bieten zu können.

Das Gefühl, man müsse an vielen Stellen selbst herausfinden, wie es gut funktionieren kann kenne ich dabei nur zu gut. So fühle ich mich seit Beginn des Refs konstant trotz guter Seminare, hilfreichen Feedbacks durch Mentoren oder Lehrbeauftragte, da es -anders als im Studium- eben nicht einfach nur darum geht Bücher zu lesen, in Kontext zu setzen, zu reflektieren,.. sondern um die praktische Umsetzung, die sowohl in der Planung, als dann auch im konkreten unterrichtlichen Handeln zum Tragen kommt. Das ist ein Prozess, nicht umsonst ist das Ref eine Phase der Professionalisierung, der auch noch nach dem Ref weitergehen wird. Ich versuche mir da immer mal wieder bewusst zu machen, was sich da bereits in mir geändert hat in den letzten Monaten, wo mir die Planung leichter fällt, aber auch wo ich unterrichtliche Routinen entwickelt habe, die meinen Unterricht sinnvoll entlasten bzw.klarer strukturieren als zu Beginn. Das gibt mir die Kraft angesichts des gefühlten "Bergs" an noch zu Lernendem (um so guten Unterricht zu machen, wie mein Selbstanspruch das gerne hätte) nicht den Mut zu verlieren oder die Zuversicht, das schaffen zu können.
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Re: Unterricht ist schlecht und wird auch nicht besser..

Beitragvon kecks » 01.12.2018, 19:13:31

es wird alleine schon deshalb werden, weil ihr euch beide konsequent als lernende begreift. die refis mit der großen selbstkritik sind meistens nicht die, die nichts können (werden), und umgekehrt. freilich nur eine faustregel, aber dunning-kruger-effekt greift auch bei angehenden lehrern.
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Re: Unterricht ist schlecht und wird auch nicht besser..

Beitragvon Löwenherz » 01.12.2018, 19:37:51

Danke kecks :-)
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Re: Unterricht ist schlecht und wird auch nicht besser..

Beitragvon Servent » 01.12.2018, 20:23:30

Hallo Max,

erstmal finde auch ich es toll, dass du so selbstkritisch deinen bisherigen Unterricht hinterfragst und deinen eigene Leistung nicht verklärst. Ich bin zwar etwas kürzer dabei als du, aber bei uns im Seminar verkommt die obligatorische Fragerunde nach dem gegenwärtigen Stand an den jeweiligen Schulen schnell zur Parade der gezuckerten Superlative. Daher glaube ich auch, dass du mit Sicherheit viel Positives aus deinem Posting hier ziehen kannst.

Wie du unterrichte ich Deutsch, an einer Oberschule zwar, aber trotzdem kann ich dein Grundthema nachvollziehen. Wie gelingt es mir, unterhaltsamen, informativen und lehrplangerechten Unterricht zu gestalten. Zumindest habe ich diese Quintessenz aus deinem Schreiben heraus gelesen ;-) Was mich dabei besonders interessiert: du schreibst an einer Stelle eher so nebenbei, dass du mit deiner lustigen Art die meisten Stunden rettest und dich so mehr oder weniger über Wasser hältst. Kannst du das ein bisschen genauer ausführen, hast du da ein Beispiel für mich?

Ich frage deshalb, weil ich glaube, dass du an dem Punkt weitermachen solltest oder zumindest nicht davon abrücken solltest. Diese lustige Art scheint dir ja zu liegen und den SuS zu gefallen, sonst hättest du sie wohl nicht beibehalten. Warum baust du diesen Zugang nicht noch aus und wendest ihn etwa auf die Methoden an? Ich gebe dir mal ein Beispiel, wie ich es in meinem Unterricht mache, da mich meine SuS schon einige Male auf Albernheit und Humor angesprochen haben. Ich bin da wohl ganz ähnlich wie du. Meinen SuS kommt diese Art aber so sehr entgegen, dass es ihnen nicht bloß gefällt, sondern auch ihre schwerfälligen Denkmühlen und somit auch die Mitarbeit ankurbelt:

In der 9. Klasse führe ich den inneren Monolog ein, dazu gibt es ein Arbeitsblatt mit zwei Texten: oben den inneren Monolog aus dem Werk eines großen Wiener Autors der Jahrhundertwende, den heute kein Schwein mehr liest, meine SuS jedenfalls nicht. Darunter mein eigener Text, wie ich morgens in die Schule fahren möchte, der Sattel nass, die Schnürsenkel offen, die Mütze weg, der Magen leer und -fuck- jetzt auch noch Deutsch in der 9., Thema: innerer Monolog, ob die das raffen werden, ob Anna und Paul wieder nur quatschen werden und Tom seinen Hefter vergessen hat... Am Ende sollen sie die zwei Texte auf Gemeinsamkeiten und Unterscheide vergleichen und dann selbst einen inneren Monolog verfassen. Solche Stunden, in denen ich die Methoden bis an den Rand der Lehrplanzulässigkeit bearbeite, sind in der Regel die mit der regsten Beteiligung und dem größten Wissenszuwachs.

Für mich zählen auch solche schülerzentriert gestalteten Methoden zur lustigen Art und ich denke, dass du damit viel bewirken kannst. Sieh deine humorvolle und offene (?) Persönlichkeit nicht als kleine Nebennotiz ohne Relevanz, die ist vielmehr Gold wert! Wie oben schon geschrieben wurde: die Schüler aufrichtig zu mögen, aufrichtig gemocht zu werden und im Unterricht selbst Spaß zu haben, ist wahrscheinlich einer der ersten, aber auch ein richtig großer Schritt.

edit: Ach ja, vielleicht sollte ich den methodischen Elefanten im Porzellangeschäft doch zumindest kurz erwähnen: Dadurch, dass die Klasse in einem der beiden inneren Monologe sich selbst wiederentdeckt, steigert sich das Interesse. Zumal sie im Kontext hoher Literatur auftauchen, quasi gleichbedeutende mit den dicken Büchern der schlauen Leute. Das weckt und sorgt zumindest mal für Lächeln und aufrechte Sitzpositionen. Dann wollen Sie wissen: Herr Servent, haben sie jetzt heute noch ein Brötchen gegessen, ihre Mütze ist ja da, die sieht aber schon kacke aus...Im benoteten UB müsstest du dein Vorgehen sicher begründen, aber auch das ginge mit dem intendierten Resultat.

Letztlich ist es ja deine Sache, wie du die SuS zum Ziel führst. Ob du ihnen vom Katheder herab die Verwandlung entgegenschreist oder sie in Völkerballmanier mit süßen Äpfeln bewirfst, Hauptsache, sie merken sich den Namen Gregor Samsa und raffen den Akt.

Ob das doch etwas elitärere Gymnasium solche freieren Unterrichtsgestaltungen aber überhaupt zulässt oder ob du damit Probleme mit Mentoren und Schulleiter bekommen würdest, weißt du sicher besser als ich.

Grüße
Zuletzt geändert von Servent am 01.12.2018, 20:40:46, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Unterricht ist schlecht und wird auch nicht besser..

Beitragvon Servent » 01.12.2018, 20:26:07

Blubber und Blätter - schon ist Herbst.
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Re: Unterricht ist schlecht und wird auch nicht besser..

Beitragvon MarlboroMan84 » 03.12.2018, 19:12:28

maxdachs hat geschrieben:Die gängigen Didaktikbücher finde ich für die Ausbildung zum Lehrer auf jeden Fall genauso wenig nützlich wie das Referendariat..


Ich empfinde bzw. empfand beides eigentlich als recht nützlich.
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Re: Unterricht ist schlecht und wird auch nicht besser..

Beitragvon Löwenherz » 03.12.2018, 21:47:22

Ich kann mit einigen didaktischen Titeln die im Seminar hoch gehandelt werden auch nur so bedingt etwas anfangen, da mir gerade im ersten Halbjahr praktische Umsetzungsbeispiele für meine Fächer gefehlt haben, um zielgerichtet an meinen Schwachstellen arbeiten zu können. Das wird zunehmend besser mit dem "Mehr" an Unterrichtserfahrung, da ich mehr Umsetzungsideen im Kopf habe und so auch mehr mit Büchern anfangen kann, die vor allem die didaktischen Grundlagen hervorragend darstellen. Als Zwischenschritt, um da für mich voranzukommen und eine Art Blockade im Verständnis lösen zu können, habe ich mir aber erstmal etwas konkretere Literatur für meine Fächer gesucht und viel in didaktischen Fachzeitschriften gestöbert. Der schöne Nebeneffekt ist, dass ich immer mal wieder ein gut aufbereitetes, ansprechendes Material finde bei der Lektüre, und mit den Kollegen in meiner Fachschaft - die mir umgekehrt auch immer wieder tolle Materialien geben- teilen kann.
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