Ich darf nicht vor meinen Schülern im Klassenzimmer sein

Wer sich seine Sorgen und Nöte mit dem Referendariat von der Seele reden will, ist hier richtig. Vielleicht gibt es ja jemanden, der einen guten Rat hat.

Re: Ich darf nicht vor meinen Schülern im Klassenzimmer sein

Beitragvon rossi87 » 20.05.2018, 20:25:20

Nudging ist also gleichzusetzen mit "einen Einlauf verpassen"?

Soziale Kontrolle funktioniert dann, wenn dem Gegenüber die Möglichkeit geboten wird, Gesicht zu wahren. Das ist bei einem Anschiss eines Lehrers durch einen Referendar ausgeschlossen. Insofern ist der Artikel in der Tat lesenswert und passt zum Thema, aber komplett anders, als Du denkst, Max.
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Re: Ich darf nicht vor meinen Schülern im Klassenzimmer sein

Beitragvon Max_Cohen » 20.05.2018, 20:34:58

Wieso? Weil du hoffst, auch mal ein zusätzliches Stück Papier zu bekommen und dir dann verbitten zu dürfen, von Menschen, die ein Stück Papier weniger haben, auf folgenreiche (und nur darum geht es) Fehltritte hingewiesen zu werden?

Das ist die gleiche Haltung, die sich hier immer wieder im Forum zeigt: Ich habe ein Stück Papier mehr als die Referendare, ich könnte nie von denen etwas lernen, die dürfen meinen Unterricht nicht kritisieren, ich habe doch superviel "Erfahrung" etc.
Leider haben die schlechten Ergebnisse in diversen Schulleistungsuntersuchungen und Videostudien ihre Ursachen in real existierendem, wenig lernwirksamen Unterricht, der von real existierenden Lehrer gemacht wird. Mit solchen Haltungen kommt man doch nicht zu einer Professionalisierung des Lehrerberufs.

rossi87 hat geschrieben:Nudging ist also gleichzusetzen mit "einen Einlauf verpassen"?

Soziale Kontrolle funktioniert dann, wenn dem Gegenüber die Möglichkeit geboten wird, Gesicht zu wahren. Das ist bei einem Anschiss eines Lehrers durch einen Referendar ausgeschlossen. Insofern ist der Artikel in der Tat lesenswert und passt zum Thema, aber komplett anders, als Du denkst, Max.


Herrje, wie oft soll ich das denn noch aufdröseln? Die Themenerstellerin ist bereits mit gutem Beispiel vorangegangen, indem sie völlig vorwurfsfrei ihrer Kollegin demonstriert hat, wie es geht. Die erwartbare Reaktion wäre doch einfach: "Du hast Recht, im Alltag schaffe ich es aber häufig nicht, pünktlich zu sein."
Nun ist hier doch etwas völlig anderes, aus meinen Augen sogar vollkommen absurdes passiert, was durchaus eine klare Ansage rechtfertigt. Und sei es zunächst nur: "Mein Unterricht beginnt pünktlich mit dem Klingeln."
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Re: Ich darf nicht vor meinen Schülern im Klassenzimmer sein

Beitragvon rossi87 » 20.05.2018, 21:07:07

Ja eben! Sie hat sich einfach so verhalten, wie sie es für richtig hält und es auch objektiv betrachtet völlig richtig ist. Dass ihre Mentorin ihren Fehler nicht einsieht, ist aber kein Grund für einen Anschiss, mir fehlt da zumindest die Logik. Es besteht zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Grund und es ist auch nicht sinnvoll, es derart eskalieren zu lassen. Sollte die Mentorin weiterhin penetrant ob der Pünktlichkeit herumnörgeln, kann man den Weg der Konfrontation immer noch gehen. Der Tenor des Artikels ist aber doch, dass es Alternativen gibt und man diese auch nutzen sollte: Vorbildfunktion, freundliches Hinweisen auf das objektiv korrekte Verhalten usw.

Es hat einen Grund, weshalb viele Leute den Weg der offenen Konfrontation scheuen: es ist meist reine Lotterie, ob etwas konstruktives dabei herauskommt. Manchmal klappt es und manchmal ist es auch für einen selbst der einzig befreiende Weg, jemandem eine Standpauke zu halten. Ich stimme Dir auch zu, dass es manchmal an klaren Worten mangelt. Es ist aber kein Selbstzweck, die Sau rauszulassen, sondern ein strategisches Mittel. Und ich stimme den anderen Foristen, die sich hier geäußert haben, zu: in dieser Situation ist es eine völlig falsche Empfehlung.

"Und sei es zunächst nur: "Mein Unterricht beginnt pünktlich mit dem Klingeln.""

Habe das erst zum Schluss gesehen. Ja, so etwas ist doch völlig in Ordnung. Aber das ist doch kein "Einlauf"! Können wir uns vielleicht einfach darauf einigen, dass der erste Schritt in einer solchen Situation das freundliche und bestimmte Verweisen auf die eigene, angestrebte Verhaltensweise am sinnvollsten ist?
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Re: Ich darf nicht vor meinen Schülern im Klassenzimmer sein

Beitragvon Montecruz » 20.05.2018, 21:27:06

So nun kommt mal wieder runter von euren jeweiligen Bäumen, wir wollen doch unterstützen ;)

Lilja4ever hat geschrieben:Jedenfalls praktizierte ich dies zweimal und dann meinte Mentorin, dass das kein richtiges Lehrerverhalten wäre und was sich die Schüler dabei denken würden und man erst nach dem Klingeln im Lehrerzimmer losgeht.


Das ist natürlich in dieser Zuspitzung nicht richtig. Bei uns, wo z.B. das Klingeln 3 Minuten vor dem Stundenbeginn läutet, muss ich mich spätestens beim Klingeln aufgrund der weiten Laufwege sehr sputen, und gehe oft auch vorher los. Erst Recht muss das ja gelten, wenn das Klingeln direkt den Stundenbeginn anzeigt. Auch ist die Schule nicht der private Raum der SuS, wie tiger richtig herausgestellt hat - zumindest nicht in dem Sinne, dass man da nicht rein dürfte.

Wahrscheinlich fühlte sich deine Mentorin auf den Schlips getreten, weil sie selbst oft unpünktlich ist, was übrigens auch mir mit einer vollen Stelle immer wieder mal passiert, auch wenn ich es abzustellen versuche.

Schwierig ist jetzt (das wurde ja auch hin- und herdiskutiert) die Überschneidung mit der Frage "Was ist dienstlich korrekt?" mit der Frage "Inwieweit bin ich bereit, das Verhältnis zu meiner Mentorin zu riskieren?" Eine volle Konfrontation erscheint mir für einen Referendar nicht rollengerecht, einfach akzeptieren solltest du die Situation aber auch nicht, denn du hast es ja aus gutem Grund (Aufbauen etc.) anders gemacht. Somit ist es vielleicht der beste Weg, gegenüber der Mentorin zu begründen, dass du dich persönlich (Ich-Botschaft) am sichersten fühlst, wenn du schon vorher im Raum bist, um optimal in den Unterricht starten zu können. Da kann doch niemand widersprechen, oder? ;) Edit: So habe ich auch rossi's letzten Beitrag verstanden.

Viele Grüße und schöne Pfingsten (an alle) :)
Monte
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Re: Ich darf nicht vor meinen Schülern im Klassenzimmer sein

Beitragvon Max_Cohen » 20.05.2018, 21:56:53

rossi87 hat geschrieben:"Und sei es zunächst nur: "Mein Unterricht beginnt pünktlich mit dem Klingeln.""

Habe das erst zum Schluss gesehen. Ja, so etwas ist doch völlig in Ordnung. Aber das ist doch kein "Einlauf"! Können wir uns vielleicht einfach darauf einigen, dass der erste Schritt in einer solchen Situation das freundliche und bestimmte Verweisen auf die eigene, angestrebte Verhaltensweise am sinnvollsten ist?


Wir können uns gerne auch darauf einigen, dass ich anhand des Startbeitrags von der ggf. falschen Prämisse ausgegangen bin, dass das alles schon so passiert sei. In meiner Interpretation der Situation hat die Kollegin es dann komplett eskalieren lassen, indem sie es als falsches Lehrerverhalten dargestellt hat, pünktlich im Unterricht zu sein. Vielleicht habe ich auch noch zu gesittete Vorstellungen des Begriffs "einen Einlauf verpassen". Das obige Zitat, mit der richtigen Betonung vorgetragen, würde ich durchaus als Einlauf bezeichnen.

Montecruz hat geschrieben:Schwierig ist jetzt (das wurde ja auch hin- und herdiskutiert) die Überschneidung mit der Frage "Was ist dienstlich korrekt?" mit der Frage "Inwieweit bin ich bereit, das Verhältnis zu meiner Mentorin zu riskieren?" Eine volle Konfrontation erscheint mir für einen Referendar nicht rollengerecht, einfach akzeptieren solltest du die Situation aber auch nicht, denn du hast es ja aus gutem Grund (Aufbauen etc.) anders gemacht. Somit ist es vielleicht der beste Weg, gegenüber der Mentorin zu begründen, dass du dich persönlich (Ich-Botschaft) am sichersten fühlst, wenn du schon vorher im Raum bist, um optimal in den Unterricht starten zu können. Da kann doch niemand widersprechen, oder? ;)


Du umschreibst das, was ich immer wieder als "Glauben an ein Stück Papier" bezeichne, mit "rollengerechtem Verhalten". Das kritisiere ich hier immer überdeutlich, weil es dazu führt, dass Systeme sich nicht weiterentwickeln können. Wie gesagt erlebe ich so etwas in einer Großstadtschule ständig, da wir kaum Kinder mit "bürgerlichem" Hintergrund haben und einen größeren Teil der Erziehungsarbeit (bezogen auf die Etablierung von Regeln des Zusammenarbeitens in einer Gruppe) übernehmen müssten. Wenn aber aktiv in solcher Weise "Standards" etabliert werden, dann braucht man keine Professur in Psychologie um abzusehen, dass die Tiefenstrukturdimension Classroom Management mindestens in ihrer systemischen Dimension dadurch erheblich beeinträchtigt wird, was sich kumulativ auf die anderen drei Tiefenstrukturdimensionen auswirkt. Viele Kollegen glauben leider - und darauf bezieht sich mein Ärger - dass sich Dinge ändern, indem man ein anderes Stück Papier ("Klassenregeln") aushängt, sich aber selbst nicht daran hält.

Es ist außerdem so, dass die Mentorin das Verhältnis bereits riskiert oder beschädigt hat. Ich möchte das Sozialkonstrukt, dass es Sache der Referendarin sei, das Verhältnis zu beschädigen, durchbrechen, damit Systeme sich weiterentwickeln können. In solchen Strukturen, und ich denke da in sehr viel größeren Zusammenhängen, wird z.B. niemals das Lernen durch Schülerfeedback sichtbar gemacht und dadurch die Unterrichtsqualität verbessert werden.
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