Zu viele Gedanken über den Abbruch

Wer sich seine Sorgen und Nöte mit dem Referendariat von der Seele reden will, ist hier richtig. Vielleicht gibt es ja jemanden, der einen guten Rat hat.

Zu viele Gedanken über den Abbruch

Beitragvon Polaroid92 » 07.04.2018, 18:24:54

Hallo liebes Forum,

nachdem ich hier ein paar Wochen mitgelesen habe, wollte ich selbst mal meine Situation hier darlegen und mal eure Meinung dazu hören.

Zuerst einmal zu mir: Ich bin 25 Jahre alt, habe das Referendariat im November 2017 in NRW begonnen – habe also nun gut 1/3 der Zeit hinter mich gebracht.

Seit dem Bachelor ist mir allerdings klar geworden, dass das Lehrer-Sein nicht das ist, was ich mir für mein Leben vorstelle. Das Praxissemester im Master-Studium war so la la, also alles insgesamt okay, wobei mir aber auch immer bewusst gewesen ist, dass das nur der Job im Sparprogramm ist, da ja – wie nun im Ref – noch diverse weitere (teils bürokratische) Tätigkeiten hinzukommen, die einem Studenten ja in der Art nicht begegnen.

Das Ref habe ich auch zu größten Teilen nur deswegen begonnen, damit ich ein sicheres Einkommen habe und mir auch diverse Leute dazu geraten haben (Stichwort abgeschlossene Ausbildung; erstmal abwarten, vllt. wird es doch nicht so schlimm; wenn du eine Alternative gefunden hast, dann kannst du ja jeder Zeit gehen). Auch, dass ja der Druck wegfällt, weil es in meinem Fall ja nicht auf die Note ankommt, war ein großes Kriterium.

Naja, nun habe ich das Desaster. Nichts der Druck fällt weg. Ich stehe vor einem Berg voll Aufgaben und weiß überhaupt nicht, wie ich es hinbekommen soll, diesen abzuarbeiten. So richtigen Draht zu den SuS bekomme ich nicht, ich kann mich einfach nicht richtig durchsetzen. Jeden Nachmittag komme ich von der Schule nach Hause und weine erstmal eine halbe Stunde und länger, weil der Unterricht überhaupt keinen Spaß macht. Nach jeden 45min. bin ich froh, dass ich diese überstanden habe. Nun sind ja Osterferien. Ich war mit meinem Freund eine Woche weg (ja, okay, vllt. nicht das Klügste gewesen, aber es war schon früh gebucht und man soll ja auch mal seine Gedanken weg von Schule bekommen) Nun sind wir wieder hier und ich bin einen Tag später wieder zusammengebrochen, weil ich solche Angst habe, da wieder hinzugehen bzw. nicht weiß, wie ich mich richtig vorbereiten soll. Die Motivation ist ja auch generell nicht mehr bei mir vorhanden, weil ich ja weiß, dass ich das nicht machen möchte. Vom Arzt habe ich mittlerweile auch Beruhigungstabletten verschrieben bekommen, aber die Wirkung hat leider noch nicht eingesetzt.

Dass ich das nicht bis zum Ende durchhalte, ist mir jetzt schon klar. Allerdings fehlt es mir auch an Alternativen. Durch Studium + Job bzw. nun das Ref hatte ich nie wirklich Zeit mal in mich zu gehen und mich zu fragen, was ich mir für mein Leben eigentlich vorstelle. Ich weiß nur, dass ich eine Ausbildung oder ein Studium gerne ich Kauf nehme, so lange ich glücklich werde. Genauso würde ich mir beim Abbruch auch ungerne den Wiedereinstieg verbauen, weil man ja nicht weiß, was später einmal ist.
Leider plagt mich beim Abbruch aber auch mein schlechtes Gewissen:

a) Meine Eltern: Haben mir bis jetzt immer gut zugeredet, dass ich das doch schaffe, wie bisher auch. Sie ziehen in etwa einem Jahr ins Ausland und wollen mich gut versorgt wissen. Ist ja verständlich. Nur ich habe so derart Angst, ihnen nun von meinem Scheitern zu erzählen…

b) Der Schule: Ich habe an der Schule so gut wie alle Praktika + Praxissemester absolviert. Ich dachte, wenn ich an einer mir vertrauten Schule auch das Ref mache, wird es nicht ganz so schwer. Pustekuchen, nun habe ich Schiss, dass die sich verascht fühlen, da ich ja immer gute Miene gemacht habe. (gleiches für’s ZfsL)

c) Meiner Mathe-Klasse: Ist eine 5. Klasse, die aufgrund von einem Krankheitsfall etc. pp. mit mir nun ihre vierte Mathe-Lehrerin hat. Ich möchte denen ungern noch einen Wechsel aufbürden… Aber nunja.

Nun kommt auch noch das Problem hinzu, dass ich es bisher zeitlich nicht geschafft habe, alle Arztrechnungen bei der Krankenkasse (privat) und Beihilfe einzureichen, so dass sich da auch ´ne gute Summe angesammelt hat. Die möchte ich ja auch noch iwie, wenn vllt. auch nur teilweise, erstattet haben.

Mein Freund sagt mir zwar, dass ich auf das schlechte Gewissen verzichten soll, da ich die Menschen ja eh nie wiedersehe, aber mein Kopf macht da nicht so mit. Ich weiß es ja selbst.
Deswegen wollte ich euch mal um Rat fragen, was ihr da so zu meint.

Liebe Grüße,
Polaroid92

P.S.: Sorry, wenn der Text zu lang ist bzw. keinen richtigen Roten Faden enthält... Bin heute wieder ein bisschen neben der Spur.
Polaroid92
 
Beiträge: 2
Registriert: 07.04.2018, 15:58:22

Re: Zu viele Gedanken über den Abbruch

Beitragvon Montecruz » 07.04.2018, 19:46:17

Liebe Kollegin,

das ist ja wirklich keine einfache Situation! Ganz kurz zu mir: 39 Jahre alt, Referendariat mit Ach und Krach und einiger Selbstverleugnung hinter mich gebracht, jetzt auf einer Planstelle im glücklichsten und nördlichsten Bundesland der Welt. ;)

Jetzt aber zu dir: Eine definitive Empfehlung kann ich nicht aussprechen, aber ich kann dir aus meiner Erfahrung und dem Umgang mit anderen Referendaren einige (hoffentlich nicht ganz sinnlose) Gedanken mitteilen.

Zunächst ganz wichtig: Niemand kann zum jetzigen Zeitpunkt die Konsequenzen deiner Entscheidung vollständig ermessen. Es gibt über 40 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland. Jeder kennt einige davon und glaubt zu wissen, wie man im Berufsleben erfolgreich ist. Einige werden dir sagen, mach das 2. StEx auf jeden Fall fertig und suche dir dann etwas anderes, das wirke immer besser im Lebenslauf, während andere sagen, dass es einem Arbeitgeber außerhalb der Schule egal ist, ob du das 2. StEx hast oder nicht. Sicher weiß es niemand. Deswegen ist die Entscheidung, vor der du jetzt stehst, eine Entscheidung bei Unsicherheit, beides kann richtig oder falsch sein und für ehemalige Referendare hat auch beides schon funktioniert oder auch nicht.

Es ist vollkommen legitim, etwas zur Beruhigung der eigenen Eltern abzuschließen, das gibt es auch im Arbeiterbereich ("Er hat den KfZ-Meister nur für seinen Vater gemacht, jetzt ist er Vertriebsleiter bei XYZ.") Die Frage ist, wie weit das Argument trägt. Wenn du dir zu 51% sicher bist, dass du abbrechen willst, kannst du es für deine Eltern weitermachen. Wenn du dir zu 90% sicher bist, dass du abbrechen willst, brich ab.

Die Institution Schule sollte für deine Entscheidung nachrangig sein. Der Schulleiter wird einen Ersatz für dich anfordern und fertig. Ohnehin ist in deinem Fall ja auch eine Entlassung zum Schuljahresende möglich und m.E. sogar wahrscheinlich, wenn du um Entlassung bittest. Dann könntest du ja auch noch die Belege einreichen.

Aber da du aber ohnehin nur noch bis Mai 2019 oder so hast, könntest du das Ref ja eigentlich auch noch zuende machen, wenn du die Sommerferien erstmal erreicht hast. Das ist ja genau das Dilemma, vor dem du stehst. Und du stehst deswegen vor einem Dilemma, weil du, glaube ich, den Hauptpunkt nicht klar erkennst. Das hier ist m.E. dein Hauptproblem:

Polaroid92 hat geschrieben: So richtigen Draht zu den SuS bekomme ich nicht, ich kann mich einfach nicht richtig durchsetzen. [..] Nach jeden 45min. bin ich froh, dass ich diese überstanden habe.


Das hier ist der Schlüssel zu dem Problem, da musst du ran. Das müsstest du auch dann, wenn du
dir ganz sicher bist, dass du Lehrerin und nur Lehrerin sein willst. Die entscheidende Frage für dich ist m.E. nicht 'Soll ich abbrechen oder nicht?' sondern 'Wie kann ich mich durchsetzen und kriege die Schüler ruhig, so dass Unterricht funktioniert, ihnen Erfolgserlebnisse bringt und mir Spaß macht?' Hier gibt es viele Strategien. Frage erfahrene Kollegen und/oder konsultiere die Fachliteratur. Du hast auch pädagogische und sogar Ordnungsmaßnahmen zur Verfügung.

Wenn das läuft (um das Ruder rumzureißen, braucht man einige Wochen, wenn die Klasse sich erstmal an die Unruhe gewöhnt hat, aber das kann jeder Lehrer bei so gut wie jeder Klasse schaffen), solltest du die Situation nochmal bewerten. Vielleicht findest du dann wieder Lust daran. Übrigens brauchst du über eine spätere Rückkehr auch gar nicht nachzudenken, solange das nicht läuft.

Das hier dagegen:

Polaroid92 hat geschrieben: Ich stehe vor einem Berg voll Aufgaben und weiß überhaupt nicht, wie ich es hinbekommen soll, diesen abzuarbeiten.


ist im Ref und mit einer Planstelle eigentlich normal. Habe Mut zur Lücke. Dann bekommst du eben eine Drei im Schulleitergutachten. Eigentlich ist deine Strategie, dass dir die Note egal ist, nämlich gut. Das kann auch Kräfte freisetzen.

So das war ja eine lange Antwort. Ich hoffe, Sie unterstützt etwas. Bei Fragen frag gerne.

LG
Monte
Montecruz
 
Beiträge: 37
Registriert: 22.02.2017, 21:08:51

Re: Zu viele Gedanken über den Abbruch

Beitragvon MarlboroMan84 » 07.04.2018, 20:21:42

Polaroid92 hat geschrieben:Nun kommt auch noch das Problem hinzu, dass ich es bisher zeitlich nicht geschafft habe, alle Arztrechnungen bei der Krankenkasse (privat) und Beihilfe einzureichen, so dass sich da auch ´ne gute Summe angesammelt hat. Die möchte ich ja auch noch iwie, wenn vllt. auch nur teilweise, erstattet haben.



Ja, dann mach das doch jetzt. Antrag Beihilfe runterladen, alles zusammenrechnen, eintragen, eintüten, fertig.

PKV kommt auf deine Versicherung an, die Debeka beispielsweise hat eine App, mit der du das einfach fotografierst.

Also das ist ja jetzt wirklich kein Akt.
MarlboroMan84
 
Beiträge: 506
Registriert: 03.01.2015, 13:59:37

Re: Zu viele Gedanken über den Abbruch

Beitragvon Randomizer » 07.04.2018, 22:30:13

Ich empfehle jedem das Buch "Unter Lehrern" von Hans Umbenannt.

Man sollte es jedem Referendar bei der Vereidigung überreichen, wie das Grundgesetz.

http://www.amazon.de/Unter-Lehrern-Geschichte-eines-Referendars/dp/3839149533/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1359751775&sr=8-1

Als Lehrer wird einem der Stundenplan vorgeschrieben. Auch die "Kollegen" mit denen man zusammenarbeiten muss, werden einem vorgeschrieben. Ebenso die Schulklassen, die man unterrichten muss, ob einem das nun gefällt oder nicht.

Alles das erzeugt, ob bewusst oder unbewusst, Aggressionen, die ein Ventil suchen.

Mobbing und Stalking sind daher an den meisten Schulen so üblich wie das Schellen der Schulglocke.
Randomizer
 
Beiträge: 3
Registriert: 06.04.2018, 9:11:15

Re: Zu viele Gedanken über den Abbruch

Beitragvon Montecruz » 07.04.2018, 23:04:25

Randomizer hat geschrieben:Als Lehrer wird einem der Stundenplan vorgeschrieben. Auch die "Kollegen" mit denen man zusammenarbeiten muss, werden einem vorgeschrieben. Ebenso die Schulklassen, die man unterrichten muss, ob einem das nun gefällt oder nicht.


Es ist im Arbeitsleben auch außerhalb des Lehrerberufs üblich, dass einem Dienst- bzw. Schichtplan, Kollegen und 'Kunden' zugewiesen werden. Komischerweise gehen die meisten Berufstätigen innerhalb und außerhalb der Schule damit professionell um, 'Agressionen' sind in gut geführten Betrieben und Schulen doch eher die Ausnahme... und davon abgesehen, wie soll das Buch der TE nun konkret helfen??
Montecruz
 
Beiträge: 37
Registriert: 22.02.2017, 21:08:51

Re: Zu viele Gedanken über den Abbruch

Beitragvon Illi-Noize » 08.04.2018, 0:16:59

Randomizer hat geschrieben:Als Lehrer wird einem der Stundenplan vorgeschrieben. Auch die "Kollegen" mit denen man zusammenarbeiten muss, werden einem vorgeschrieben. Ebenso die Schulklassen, die man unterrichten muss, ob einem das nun gefällt oder nicht.

Das ist sicherlich für die meisten Referendare eine sehr große Überraschung. Damit kann man ja nun auch wirklich nicht rechnen! Danke für den Hinweis!!!
Illi-Noize
Moderator
 
Beiträge: 9114
Registriert: 02.02.2008, 15:46:55
Wohnort: Bayern / StR(RS) / Betreuungslehrer Einsatzrefs, Fachschaftsleiter

Re: Zu viele Gedanken über den Abbruch

Beitragvon kecks » 08.04.2018, 11:06:07

ich habe derzeit einen autisten in meiner achten klassen sitzen. intelligent, gute noten, im prinzip einigermaßen integriert als "nicht störender einzelgänger". der ist, störungsbedingt, nicht in der lage, das verhalten anderer spontan zu deuten (nur kognitiv erlernte deutungsmuster, die er aktiv anwenden muss, stehen ihm zur verfügung, zudem verhaltenstherapeutisch etablierte kleinigkeiten) und erlebt die klasse und lehrer und überhaupt alle anderen ebenfalls als ihn sehr stark belastende zumutung. er wird nicht aggressiv im unterricht und v.a. in den pausen, aber nur, weil er bewundernswerterweise sehr stark kompensiert (und dann halt am nachmittag schon mal zusammenbricht im schutzraum elternhaus, weil die akkus endgültig leer sind). für ihn bezieht sich alles auf ihn. er muss sich aktiv kognitiv dran erinnern, dass dem nicht so ist. das ist schwer, wenn deine emotionen im ersten moment immer etwas anderes melden und das sortieren der welt eh schon extrem anstrengend für dich ist, während alle anderen das mal eben so nebenbei machen. man fühlt sich dann sehr schnell angegriffen und "gemobbt".

der buchautor, der hier immer wieder rumgeistert, ist genau die person, die mein schüler meiner meinung nach in 15 jahren wäre, wenn er nicht die therapeutischen und sonstigen hilfen bekäme, die er eben seit jahren und immer noch bekommt. für ihn wäre der lehrerberuf eine zumutung, außer man findet eine genau passende schule, überschaubar, stützende hilfen, frei gewählt. im regelbetrieb des referendariats wäre er vermutlich völlig überfordert aufgrund der nicht neurotypischen verarbeitung der welt in seinem hirn.
kecks
 
Beiträge: 1492
Registriert: 01.04.2009, 6:09:18

Nächste

Zurück zu Leid & Frust

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Google Adsense [Bot], Montecruz und 11 Gäste