Ich will nicht mehr

Wer sich seine Sorgen und Nöte mit dem Referendariat von der Seele reden will, ist hier richtig. Vielleicht gibt es ja jemanden, der einen guten Rat hat.

Re: Ich will nicht mehr

Beitragvon Max_Cohen » 26.03.2018, 10:29:54

Maximer hat geschrieben:Auch in meinem Seminar hört man ständig von der "Lehrerpersönlichkeit". Ich habe auch im Studium das Buch von Wisniewski gelesen und kenne auch kritische Aufsätze von ihm zu gängigen Unterrichtskriterien (z.B. kritisiert er die 10 von H. Meyer). Aber das alles bringt mir dort, wo ich jetzt bin, gar nichts, denn dort wird mir nämlich meine "Lehrerpersönlichkeit" um die Ohren gehauen, wenn ich nicht auf der Hut bin und dort gilt weiterhin die "Methodenvielfalt" als artgeschützter Begriff.


Dann gib deinem Fachleiter doch bitte einfach dieses Buch (und "Schule auf Abwegen", das du offensichtlich auch kennst) in die Hand und bitte ihn, begründet Stellung dazu zu beziehen.
Ich bleibe dabei: Das bringt dir, deinen Mitreferendaren und zukünftigen Generationen sehr viel, wenn man so einen Blödsinn abstellt.
Aufgrund deiner Sorgen würde ich das gemeinsam mit der Seminargruppe machen und die Reaktion dokumentieren - dann habt ihr ggf. etwas in der Hand. Und wenn euch der Schneid dafür fehlt, dann legt zusammen und verschenkt diese Bücher zum Ausbildungsende mit einer deutlichen Widmung.
Und jedes Mal, wenn dir jemand mit "Lehrerpersönlichkeit" kommt, darauf hinweisen, warum dieses Konzept nicht tragfähig ist. Man kann das am besten dadurch erreichen, dass man darauf hinweist, dass Persönlichkeit als statisch konstruiert ist und der Fachleiter sich ernsthaft fragen muss, was dann seine Daseinsberechtigung ist, wenn sowieso schon alles feststeht. Ausbildung braucht es dann nicht. Du willst Unterstützung bei der Professionalisierung deines Handelns, und keinen Persönlichkeitsumbau.
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Re: Ich will nicht mehr

Beitragvon Lörli » 26.03.2018, 12:13:10

Naja, ich finde es ehrlich gesagt fies, dass mir hier jetzt unterstellt wird, meine Stunde sei schlecht gewesen oder ich nicht zur Reflexion fähig.
Ich kann den kritischen Punkt in der Stunde schon erkennen, dass ich da keine 1 gemacht habe sehe ich selbst so. Eine 3,5 hingegen ist nicht gerechtfertigt.
Man bekommt ja auch vor der Lehrprobe viel Feedback, sei es durch Mentoren, Schulleiter oder Lehrbeauftragte vom Seminar - oder auch zu guter letzt durch die Schüler, die ja hoffentlich am Ende mehr können.
Dass Prüfer und Lehrbeauftragte eben gerne das sehen wollen, was sie selbst gut finden, ist ja nun kein Geheimnis. Was die einen toll finden, finden die anderen ganz furchbar - und da kann man als Geprüfter eben Glück oder Pech haben.

Ich weiß, dass ihr nicht dabei wart, daher ist das sicherlich schwierig zu "beweisen", aber in meinen Augen lagen die beiden Prüfer hier schlichtweg falsch. Die Vorsitzende hat Englisch zum Beispiel auch selbst nicht als Fach.

Was die Persönlichkeit angeht: Da gibt's auch Studien, die sagen, der Lehrer sei DAS wichtigste überhaupt (Hattie), darum gibt es da vermutlich nicht "die Wahrheit" schlechthin.

Ich weiß nur: Meine Schüler konnten am Ende der Stunde deutlich mehr als zu Beginn der Stunde, meine Lernziele wurden alle erreicht und ich halte eine Vokabeleinführung mit Bildern und echten Gegenständen nach wie vor für sehr sinnvoll, da das sehr anschaulich ist - gerade in der 5. Klasse noch besonders wichtig.
Die Kritik mit der Schiwerigkeitsstufe für die starken Schüler kann ich nachvollziehen, das hatte ich auch selbst in der Reflexion direkt im Anschluss bereits erwähnt (inklusive einer Alternative, wie es beim nächsten Mal besser wäre).
Die Prüfer kennen die Schüler und deren Fähigkeiten nicht und sehen einen Ausschnitt von 45 Minuten... gerade meine Klasse hat wirklich Höchstleistungen gebracht am Freitag. Ich meine da sitzen Schüler drin, die gerade seit einem Jahr in die Schule gehen - da bin ich teilweise froh, wenn sie es hinkriegen Deutsch von Englisch zu unterscheiden :D

Eine Freundin unterrichtet zum Beispiel eine 10. Klasse Wekrrealschule bilingual in Geschichte. Die Hälfte dieser Schüler wird den Abschluss nicht schaffen. Diese Schüler KÖNNEN alleine durch ihre begrenzten Englischkenntnisse keine freien Diskussionen führen, weshalb sie am Ende hat Plädoyers auf Englisch halten sollten (mit viel sprachlicher Unterstützung). Selbstverständlich hatte sie alles vorher im Vortrag erwähnt.
Naja, was bemängelten ihre Prüfer? "Eine freie Diskussion auf Englisch wäre schön gewesen."
Ich fänd es auch schön, wenn es jetzt 30°C und Sommerferien hätte, aber es ist nunmal März und da ist es eben kalt... so lange Prüfer nicht auch auf die äußeren Umstände der Schule und Klasse achten, können solche Prüfungen in meinen Augen auch einfach nie wirklich fair bewertet werden.
Aber genug des Aufregens, es bringt ja wie gesagt sowieso nichts.
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Re: Ich will nicht mehr

Beitragvon Max_Cohen » 26.03.2018, 15:08:16

Lörli hat geschrieben:Naja, ich finde es ehrlich gesagt fies, dass mir hier jetzt unterstellt wird, meine Stunde sei schlecht gewesen oder ich nicht zur Reflexion fähig.


Mir geht es nicht ums Bashing, sondern um (beidseitige!) Ursachenforschung.

Dass Prüfer und Lehrbeauftragte eben gerne das sehen wollen, was sie selbst gut finden, ist ja nun kein Geheimnis. Was die einen toll finden, finden die anderen ganz furchbar - und da kann man als Geprüfter eben Glück oder Pech haben.


Solch ein Blödsinn sollte abgestellt werden.

Was die Persönlichkeit angeht: Da gibt's auch Studien, die sagen, der Lehrer sei DAS wichtigste überhaupt (Hattie), darum gibt es da vermutlich nicht "die Wahrheit" schlechthin.


Genau um solches Halb- bzw. Hundertstelwissen geht es mir.
Zunächst einmal muss man in der Lage sein, die entsprechenden Quellen zu benennen und dann auch noch deren Inhalt kennen.
Das Ergebnis, dass du meinst, besagt, dass der Lehrer einen immensen Anteil an der Varianzaufklärung des Lernerfolgs hat. Das ist etwas komplett anderes als die Persönlichkeit, um die es gerade nicht geht: Die Botschaft der Unterrichtsforschung, und das kannst du z.B. bei Helmke oder Wisniewski nachlesen, ist es, dass es aufs Lehrerhandeln ankommt und dass dieses erlernbar ist. Das ist das Ziel von Lehrerbildung schlechthin. Deine Persönlichkeit wird per definitionem niemand ändern.

Naja, was bemängelten ihre Prüfer? "Eine freie Diskussion auf Englisch wäre schön gewesen."
Ich fänd es auch schön, wenn es jetzt 30°C und Sommerferien hätte, aber es ist nunmal März und da ist es eben kalt... so lange Prüfer nicht auch auf die äußeren Umstände der Schule und Klasse achten, können solche Prüfungen in meinen Augen auch einfach nie wirklich fair bewertet werden.
Aber genug des Aufregens, es bringt ja wie gesagt sowieso nichts.


Diese Argumente sollte man nicht hinter vorgehaltener Hand und in der Anonymität des Internets bringen, sondern in der Prüfungssituation! Wenn mir Leute mit "es wäre toll, wenn..." oder reinen Vorlieben anfangen, dann sage ich meistens, dass ich auch gerne Wechelstromtechnik mit komplexen Zahlen in der Q1 unterrichten oder nur noch Differentialformen und Dichten integrieren würde. Dann ist i.d.R. Funkstille.
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Re: Ich will nicht mehr

Beitragvon Montecruz » 26.03.2018, 22:05:52

Lörli hat geschrieben:So, danke für die lieben Worte.
Ich dachte jetzt, wo es vorbei ist, melde ich mich noch mal. Ich hab bestanden, bin aber mit der Note (3,5) absolut unzufrieden und kann die auch ehrlich gesagt nicht nachvollziehen.


Herzlichen Glückwunsch zum Bestehen und schon mal schöne Ferien. Die Note ist später wesentlich weniger bedeutend als man das als Referendar so denkt. Bei der Einstellung hat sie noch ein gewisses Gewicht, das mit den Jahren des Dienstes immer geringer wird. Die Ausprägungen sind je nach BL unterschiedlich, die Tendenz ist aber klar - mit den Jahren zählt die Bewährung im täglichen Dienst immer mehr. Eigenschaften und Fähigkeiten wie Zuverlässigkeit, Belastbarkeit, wertschätzender Umgang mit allen Beteiligten der Schulgemeinschaft, Schaffung eines positiven Lernklimas, Weiterentwicklung der Schule, die eigene Berufszufriedenheit... sind hier der Schlüssel. Alle habe ich aber auch nicht ;)

(Entgegen der hier in diesem Thread geführten pädagogikphilosophischen Diskussion hat der durchschnittliche Lehrer übrigens wenig Zeit für das Lesen von Fachliteratur, daher ist dies für den Berufsalltag eher weniger relevant und für Beurteilungen und Beförderungen m.W.n. auch kaum entscheidend. Mag man bedauern, ist aber so.)

Lörli hat geschrieben: Dieses Ref ist einfach so abartig frustrierend... da laufen alle UBs vor den Prüfungen super, zählen aber rein gar nichts und dann kommen so bescheuerte Tussen, die man vorher nie gesehen hat, und drücken einem für dinge, die man so gelernt hat eine solche Note rein.


Die Notenvergabe ist höchst willkürlich und für den Referendar so gut wie nie nachvollziehbar. Allerdings nennst du auch die Kritikpunkte fast alle nicht (Zufall?) Egal. Im Ref kommen schlechte Leute durch und gute fallen durch. Fairerweise muss man sagen: Es kommen auch gute Leute durch und schlechte fallen durch. Ich bin auch gründlich reingefallen für Dinge, die ich im Seminar gelernt habe. Diese Leute müssen sich vor niemandem mehr rechtfertigen. Das korrumpiert manche. Manche sind auch einfach nicht geeignet. Aber wieder fair bleiben: Es gibt auch sehr gute und transparente Fachleiter.

Nochmal: Die Note ist für den späteren Berufsweg selten entscheidend. Und das sage ich als jemand, der eine Planstelle hat.

LG und schöne Ferien
Monte

PS: Habe hier auch eine kleine Geschichte dazu verfasst, ist für dich vielleicht interessant.
http://referendar.de/forum/viewtopic.php?f=7&t=34213
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Re: Ich will nicht mehr

Beitragvon tiger » 26.03.2018, 22:59:35

Montecruz hat geschrieben:Die Notenvergabe ist höchst willkürlich und für den Referendar so gut wie nie nachvollziehbar.

Sagen die unbelehrbaren Referendare. Ebenso könnte man sagen, dass das Bestehen oder Nichtbestehen der praktischen Fahrprüfung willkürlich und nicht aufgrund der Fahrleistungen bescheinigt wird. Oder das die Note einer Klassenarbeit nichts mit den fachspezifischen Kompetenzen des Schülers zu tun hat. Ist aber halt alles nicht wahr.
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Re: Ich will nicht mehr

Beitragvon Max_Cohen » 27.03.2018, 7:11:45

tiger hat geschrieben:
Montecruz hat geschrieben:Die Notenvergabe ist höchst willkürlich und für den Referendar so gut wie nie nachvollziehbar.

Sagen die unbelehrbaren Referendare. Ebenso könnte man sagen, dass das Bestehen oder Nichtbestehen der praktischen Fahrprüfung willkürlich und nicht aufgrund der Fahrleistungen bescheinigt wird. Oder das die Note einer Klassenarbeit nichts mit den fachspezifischen Kompetenzen des Schülers zu tun hat. Ist aber halt alles nicht wahr.


Dieser Vergleich ist massiv überzogen. Für die praktische Fahrprüfung gibt es die StVO als bis ins letzte Detail geregelte gesetzliche Grundlage, und der Ermessensspielraum geht gegen Null.
Die einzige mir bekannte Untersuchung zur Korrelation zwischen Unterrichtsbeurteilungen stammt aus den 1950ern, hatte aber sehr ernüchternde Ergebnisse (nur niedrige bis mittlere Korrelationskoeffizienten, lediglich zwischen Schulleitung und Schulaufsicht 0.57). Es wäre äußerst interessant, solch eine Untersuchung heutzutage mal durchzuführen.
Auch hier kann ich nur für NRW und meine Fächer sprechen: Die Existenz des Transparenzproblems wird durch die Durchführung von Fachleitertagungen (ich habe dafür selbst mal eine Probestunde veranstaltet), auf denen man gemeinsam hospitiert und sich auf einheitliche Bewertungskriterien einigt, nahegelegt.

Montecruz hat geschrieben:(Entgegen der hier in diesem Thread geführten pädagogikphilosophischen Diskussion hat der durchschnittliche Lehrer übrigens wenig Zeit für das Lesen von Fachliteratur, daher ist dies für den Berufsalltag eher weniger relevant und für Beurteilungen und Beförderungen m.W.n. auch kaum entscheidend. Mag man bedauern, ist aber so.)


Durch die Einführung der professionellen Schulleiterausbildung - zumindest kann ich hier für NRW sprechen - wird Lehrerprofessionalität in der Zukunft m.E. die erste Geige bei Beförderungen spielen.
Das Studium der Fachliteratur sowie das anschließende Einbringen in den Schulalltag - ja, ich gebe dazu auch interne Fortbildungen - ist für mich nicht nur Teil des Berufsethos, sondern angesichts der hohen Besoldungsstufe auch Pflicht. Man kann nicht erwarten, wie ein Akademiker besoldet zu werden, wenn man sich im Alltag aufführt wie eine ungelernte Aushilfskraft (und bevor jemand schreit - besucht mal eine inklusive Schule und schaut euch an, wie viel Hobbypsychologie dort zu den einzelnen Krankheitsbildern, z.B. zu Autismus, kursiert und wie unprofessionell diese Kinder z.T. behandelt werden).
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Re: Ich will nicht mehr

Beitragvon Jméno » 27.03.2018, 7:15:50

tiger hat geschrieben:Sagen die unbelehrbaren Referendare. Ebenso könnte man sagen, dass das Bestehen oder Nichtbestehen der praktischen Fahrprüfung willkürlich und nicht aufgrund der Fahrleistungen bescheinigt wird. Oder das die Note einer Klassenarbeit nichts mit den fachspezifischen Kompetenzen des Schülers zu tun hat. Ist aber halt alles nicht wahr.

Dass du im Sinne einer Debatte überspitzen musst, ist mir schon klar, aber ebenso sollte doch klar sein, dass man erstens die Einhaltung eines recht deutlichen Regelkataloges wie der StVO schwerlich gleichsetzen kann mit im Seminaralltag relativ schwammigen Regeln zu „gutem Unterricht“, und dass zweitens die Validität einer Klassenarbeitsbenotung stark von der Aufgabenstellung abhängt. Solange es um Schwurbelaufsätze à la „Schreib mal einen schönen Text zum Thema Freundschaft“ oder den Grundschulklassiker „Mein schönstes Ferienerlebnis“ geht, darf es ja auch niemanden wundern, wenn es eine gewisse Bandbreite in der Benotung gibt. Schlussendlich sollte es ebenfalls unstreitig sein, dass menschengemachte Systeme – wozu das Referendariat zählt – immer fehleranfällig sind. Mag die große Mehrheit an Ausbildern und Prüfern auch fachlich und pädagogisch auf hohem Standard operieren, besteht dennoch immer die Möglichkeit, an einen der Blindgänger zu geraten. Und bei diesen hinterlässt dann eben auch die Note ein Eindruck, gewürfelt worden zu sein.
…он је метафора, начин живота, угао гледања на ствари!
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