Referendariat und Technokratie

Wer sich seine Sorgen und Nöte mit dem Referendariat von der Seele reden will, ist hier richtig. Vielleicht gibt es ja jemanden, der einen guten Rat hat.

Referendariat und Technokratie

Beitragvon blitz80 » 17.08.2017, 18:23:06

Hallo zusammen,

es ist schon viel über das Referendariat geschrieben worden. Leider gehen die Berichte (seien sie nun positiv oder negativ) nie wirklich in die Tiefe und letztlich geht es nie über einen subjektiven Erlebnisbericht hinaus.

Ich möchte versuchen, an dieser Stelle eine erweiterte Analyse vorzunehmen. Wer an einem herrschaftsfreien Diskurs Interesse hat und mit wirklichen Sachargumenten Kritik an meiner Darstellung äußern möchte, kann dies gerne tun.

Zu allererst möchte ich von meinen Erfahrungen berichten. Ich habe vor ein paar Jahren in einer deutschen Großstadt das Referendariat begonnen. Die Schule lag in einem sog. Problembezirk. Der Migrantenanteil war sehr hoch. Das Unterrichten gestaltete sich als äußerst schwierig (was jetzt für viele keine neue Erkenntnis sein wird). Über die Zustände an solchen Schulen ist schon viel geschrieben worden und daher spare ich mir Details. Auch in den Seminaren habe ich vieles von dem erlebt, was in diversen Foren schon berichtet wurde (in negativer Hinsicht). Die verschiedenen negativen Faktoren haben so viel Druck in mir erzeugt, dass ich nach einigen Monaten gekündigt habe. Interessanterweise hat ein Kollege von mir aus einem Seminar parallel zu mir gekündigt und ich habe Kontakt mit ihm aufgenommen. Wir haben viel über unsere Erfahrungen gesprochen und diese gemeinsam reflektiert. Meine Thesen zum Referendariat lauten wie folgt:

1. Die faschistoiden Tendenzen, die vielerorts vorhanden sind, sind kein Zufall. Durch das ''Referendariat'' werden angehende Lehrer in eine künstlich erzeugt Krise gestürzt. Im Grunde genommen wird versucht, einem die Persönlichkeit zu brechen (was bei mir der Fall war). Hat man den Anwärter dann von allen Seiten schön weichgeklopft, wird man zum Schluss durchgewunken und darf dann das 2. SE in Empfang nehmen. Daher ist es auch kein Zufall, dass in den Seminaren wenig Freigeister vorhanden sind. Und wenn jemand kreativ und frei denkt, wird ihm das schon ausgetrieben. Und wehe man versucht Kritik zu üben (so wie das mein Kollege versucht hat). Dann wird man rausgemobbt auf die übelste Weise.
Im Referendariat ist diese Tendenz m.E. strukturell verankert und Teil des Herrschaftssystems Schule (das Schulsystem ist alles andere als demokratisch organisiert).
Die SL sind natürlich ehemalige ''Opfer'', die jetzt das weiter geben, was ihnen auch angetan wurde. Das Referendariat ist überspitzt formuliert eine Art Initiation in die Lehrersekte (bitte nicht allzu wörtlich nehmen)
Natürlich werden einige jetzt einwenden, dass ihre Erfahrungen doch ganz anders waren und sie auch viel gelernt haben. Das mag sein. Sicher gibt es auch gute SL und gute Ausbildungsschulen. Dennoch wage ich zu behaupten, dass die oben beschriebenen Tendenzen weit verbreitet sind. Es sind also nicht nur rein subjektive Erfahrungen von einigen Wenigen.
2. All diejenigen, die solche Strukturen ertragen mussten und ihren Wunschberuf aufgegeben haben, sei gesagt, dass das nichts mit euch zu tun hatte. Die Kritik, die ihr erhalten habt, ist wertlos. Das sind keine Pädagogen, sondern einfach nur stupide Unterrichtsbeamte, die von Pädagogik sowieso nichts verstehen. Nehmt euch das bloß nicht zu Herzen, was dort gesagt wurde. Auch mein SL hat mir vor der Kündigung zu denken gegeben, ob ich denn für den Lehrerberuf geeignet wäre. Das ist alles eine standardisierte Rhetorik von standardisierten Menschen ohne Esprit.
3. Vielen Referendaren und anderen Lehrern ist wohl nicht klar, was in den letzten Jahren durch die Einführung des ''Kompetenzmodells'' und der ''Bildungsstandards'' mit dem Bildungssystem in Deutschland passiert ist. Diese sog. ''Output-Orientierung'' ist nichts weiter als eine technokratische Umstrukturierung des Bildungssystems. Es geht nicht mehr um Bildung, sondern um die Vermittlung von Kompetenzen. Der Mensch soll für die Wirtschaft und Industrie verfügbar gemacht werden. Die Folgen für das Referendariat sind wie folgt:
a. Das ohnehin bürokratische Wesen des Referendariats ist nun noch weiter ausgebaut
b. Unterrichtsentwürfe müssen nun ''kompetenzorientiert'' verfasst werden.
c. Das Referendariat ist dadurch eine Ausbildung zu einer reinen Technokratenpädagogik

Im Wesentlichen steckt hinter dieser Umstrukturierung die Zerstörung der deutschen Bildungstradition in Humboldtscher Prägung. Die Pädagogik wird um ihren geisteswissenschaftlichen Kern beraubt und wird immer mehr von technokratischen Ideologen vereinnahmt. Viele wissen nicht, dass Industrieverbände hinter der Einführung des Kompetenzmodells stehen.

Ich persönlich bedaure diese Entwicklung sehr. Ich habe meinen Wunschberuf deswegen aufgeben. Ich werde das nicht mitmachen und ich akzeptieren die Autorität und Beurteilung der SL nicht. Ich könnte zwar wieder einsteigen ins Ref, aber ich habe keine Lust, dort entgegen einer pädagogischen Überzeugung ein Schauspiel abzuliefern und mir sagen zu lassen, dass ich ''kompetenzorientiert'' unterrichten soll. Einen ''kompetenzorientierten Unterrichtsentwurf'' werde ich nie wieder schreiben.

Konsequenzen muss jeder für sich individuell entscheiden. Ich kann aber nur empfehlen, gut über diese Punkte nachzudenken. Da ich als Geisteswissenschaftlicher und Pädagoge der Gesellschaft und unseren Kindern verpflichtet bin, kann ich aus Gewissensgründen das Referendariat nicht als seriöse Ausbildung betrachten.

Wer das Ref aber schon ''erfolgreich'' hinter sich gebracht hat, sollte prüfen, ob er nicht einen seelischen Schaden davongetragen hat. Wenn man dann schon Lehrer ist, muss man ja solche Entwürfe nicht mehr schreiben. Das ist sicher ein Vorteil.

Es ist abscheulich, wie versucht wird, den schönen Beruf des Lehrers zu zerstören.

Warum kommt kein Widerstand? Das deutsche Volk hat schon einmal versagt und es ist erschütterlich zu sehen, wie scheinbar über die Hintertür ein neuer Totalitarismus in der Gesellschaft Fuß fassen kann. Aus der Markwirtschaft soll eine Marktgesellschaft werden. Wem das zu abstrus erscheint, der lese bei Jochen Krautz nach. Das sind nicht alles bloße Hirngespinste von mir selbst.

Ich bin gespannt, ob jemand in diesem Forum den Mumm hat, sich zu äußern. Vielleicht wird dieser Eintrag auch schnell ''zensiert''. Das wäre dann schon ein absolutes Armutszeugnis.

Viele Grüße
blitz80
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon Qualitätsgarant » 17.08.2017, 18:37:23

blitz80 hat geschrieben:Ich möchte versuchen, an dieser Stelle eine erweiterte Analyse vorzunehmen.

Im Grunde genommen wird versucht, einem die Persönlichkeit zu brechen (was bei mir der Fall war). Hat man den Anwärter dann von allen Seiten schön weichgeklopft, wird man zum Schluss durchgewunken und darf dann das 2. SE in Empfang nehmen.



Da habe ich dann aufgehört zu lesen. Das nennst du erweiterte Analyse? Du hast Frust und willst Dampf ablassen. Bitte schön, es sei dir vergönnt. Aber tarne das nicht als vermeintlich sachliche, objektive Betrachtung.
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon Valerianus » 17.08.2017, 18:44:33

Ich hab mir deinen Text durchgelesen und möchte nur einige fachliche Anmerkungen machen.

1.) (bezieht sich auf deinen 1. Absatz im Kontext) Dir ist schon klar, dass du auch einen subjektiven Erlebnisbericht geschrieben hast? Nur weil du mit jemand anderem darüber gesprochen hast, ist N=2 keine hinreichend große Stichprobe.
2.) (bezieht sich auf deinen 2. Absatz) Jeder darf hier im Rahmen der Gesetze und Forenregeln auf deinen Beitrag antworten, unabhängig davon ob er Interesse an einem herrschaftsfreien Diskurs hat oder Sachargumente anbringt.
3.) Der Vergleich mit dem Faschismus diskreditiert deine gesamte Argumentation (insbesondere als Geisteswissenschaftler sollte dir die Unmöglichkeit dieses Vergleichs eigentlich bewusst sein). Godwin's Law direkt im Eröffnungsbeitrag, echt jetzt?
4.) Hinter der Einführung des Kompetenzbegriffs stecken im englischen Sprachraum vor allem die Psychologen (mit starker naturwissenschaftlicher-empirischer Orientierung), im deutschen Sprachraum vor allem Klafki und Roth, die der Empirie eher unverdächtig sein dürften (ich vermute mal, dass empirische Überprüfbarkeit für dich technokratisch ist)
5.) Jochen Krautz schreibt für die GEW, eine Gewerkschaft die vergessen hat, dass sie eine Gewerkschaft ist und stattdessen nur gesellschaftspolitische Ideale, teilweise auf dem Rücken ihrer Mitglieder, umsetzen möchte...sein Lebenslauf zeichnet ihn jetzt auch nicht als ausgewiesenen Experten in dem Gebiet aus, was ihn nicht daran hindert darüber zu schreiben...
6.) "Zensur"? In einem privaten Forum? Da retten dich auch die Anführungszeichen nicht vor der Frage: Was hast du nochmal gleich studiert? Bitte keine Geisteswissenschaft...
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon rossi87 » 17.08.2017, 19:30:17

Danke, Valerianus, danke! Präzise und sachliche Entgegnung, der ich mich vollkommen anschließen kann.
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon Illi-Noize » 17.08.2017, 23:15:48

blitz80 hat geschrieben:Vielleicht wird dieser Eintrag auch schnell ''zensiert''. Das wäre dann schon ein absolutes Armutszeugnis.

Stichwort "Hausrecht", wir können im Prinzip an jeder Stelle zensieren.

blitz80 hat geschrieben:Hat man den Anwärter dann von allen Seiten schön weichgeklopft, wird man zum Schluss durchgewunken und darf dann das 2. SE in Empfang nehmen. Daher ist es auch kein Zufall, dass in den Seminaren wenig Freigeister vorhanden sind. Und wenn jemand kreativ und frei denkt, wird ihm das schon ausgetrieben. Und wehe man versucht Kritik zu üben (so wie das mein Kollege versucht hat). Dann wird man rausgemobbt auf die übelste Weise.


Ziemlich doof, dass ich genau in diese Richtung unterwegs war ... und sich die ganze Sache, da ich stets höflich und sachlich geblieben bin, für mich positiv auf die Beurteilung ausgewirkt hat. ("kreativ", "diskussionsfreudig" usw.).
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon MarlboroMan84 » 18.08.2017, 7:30:36

blitz80 hat geschrieben:Ich bin gespannt, ob jemand in diesem Forum den Mumm hat, sich zu äußern.


Ich halte deinen Beitrag für absoluten Schwachsinn.



Genügend Mumm?
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon BW-Refi » 18.08.2017, 12:18:41

blitz80 hat geschrieben:Hallo zusammen,
2. All diejenigen, die solche Strukturen ertragen mussten und ihren Wunschberuf aufgegeben haben, sei gesagt, dass das nichts mit euch zu tun hatte. Die Kritik, die ihr erhalten habt, ist wertlos. Das sind keine Pädagogen, sondern einfach nur stupide Unterrichtsbeamte, die von Pädagogik sowieso nichts verstehen. Nehmt euch das bloß nicht zu Herzen, was dort gesagt wurde. Auch mein SL hat mir vor der Kündigung zu denken gegeben, ob ich denn für den Lehrerberuf geeignet wäre. Das ist alles eine standardisierte Rhetorik von standardisierten Menschen ohne Esprit.


Meine Ausbilder haben mir in den Unterrichtsbesuchen stets genau gezeigt was gut lief und was nicht. Sie waren dabei fair und empathisch. Stärken wurde gelobt, bei Schwächen wurde Unterstützung geboten. Auch meine Schulleitung und die meisten Kollegen waren pädagogisch sehr talentiert.
Diese Leute sind sehr fähig. Sicher mag mancher Referendar andere Erfahrungen gemacht haben. Man sollte dabei aber beachten, dass es eine persönliche Erfahrung ist. Das Ref kann durchaus eine traumatische Erfahrung sein, aber für die Mehrheit ist es das nicht.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Kreativität sich lohnt. Wenn es handwerklich gut gemacht ist und man schülerorientiert arbeitet. In den Kolloquien habe ich kontroverses Material gezeigt, das kam auch bei einer als sehr konservativ bekannten Ko-Prüferin gut an.

Erklärung zu kontrovers: In den Fächern Ethik und GGK ist es sehr üblich kontroverse Fragen zu nutzen.
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