Ist das normal?

Wer sich seine Sorgen und Nöte mit dem Referendariat von der Seele reden will, ist hier richtig. Vielleicht gibt es ja jemanden, der einen guten Rat hat.

Ist das normal?

Beitragvon refsuxx » 03.12.2017, 16:54:02

Ich lese jetzt seit ein paar Wochen hier mit und muss sagen, ich wundere mich darüber, welche Arten von Rückmeldungen hier die meisten für sinnvoll erachten.

Stellt euch vor, dass, sagen wir mal, 90% der Referendare ein echt gutes Ref haben. Gute Schule, nette betreuende Lehrer, einigermassen umgängliche Schüler, fairer Umgang durch die Lehrer, faire Bewertung, voranbringendes Feedback oder zumindest die meisten dieser Punkte. Und die restlichen, sagen wir, 10% haben diese guten Bedingungen einfach nicht. Und keiner kriegts mit, weil ja Schulen nach außen schon in einem enormen Ausmaß "black boxes" sind. Und weil die anderen Referendare häufig doch einfach mal voraussetzen, die Bedingungen, die man selbst im Ref erlebt, seien schon irgendwie normal. (interessanterweise scheinen das mE vor allem die Reffis zu tun, die ein sehr gutes Ref haben.)

Was geschieht nun mit einem Reffi, der schlechte Ausgangsbedingungen hat? Nun ja, in den meisten Fällen wird er zu irgendeinem Zeitpunkt mal hören: "Vielleicht liegt es an dir. Überleg doch mal, was du besser machen kannst, und schieb es nicht auf die FL/Kollegen/Schüler/Schule, ... Du hast nur keine Selbstreflexion, wenn du nicht siehst, dass es an dir liegt!" Vermutlich wird er das von fast allen hören. Fachleiter tendieren eh zu dieser Einstellung, aber auch Mitreferendare reiben einem gerne eigene Erfolge uner die Nase und sagen: "Bei mir klappt doch alles, muss an dir liegen!". Und Schulen tendieren auch nicht gerade dazu, zu sagen: "Hier ist es halt Mist, der Reffi kann gar nix dafür." :lol: Und aufgrund der Ausweglosigkeit der Situation werden, sagen wir doch mal, die meisten Reffis dann wirklich versuchen, die "Schuld" bei sich selbst zu suchen. Weil es doch eh keinen Zweck hat, im Ref die Schuld auf irgendwen anders zu schieben. (ganz nebenbei, war ich auch so ein Typ, der die Schuld nur bei sich gesucht hat.)

Und dann, irgendwann, ist der Reffi vielleicht endgültig verzweifelt, merkt: "Es klappt nicht gut, ich finde meine Schuld nicht und keiner kann mir helfen! Und keiner glaubt mir, dass das ungerecht ist, und ich kann nichts machen! Ich muss mich mal mit Leuten austauschen, denen es ähnlich geht." Und was kann man gut tun? Vielleicht mal im Internet so was wie "Frust Referendariat" oder ähnliches googlen und hier landen. (habs gerade ausprobiert, tut man wirklich.)

Und was bekommt der Reffi dann hier? Einerseits zum millionsten Mal Gerede von der "mangelnden Selbstreflexion" sowie dass er selbst nur dran schuld ist. Andererseits ein komplettes Unterforum mit Durchhalteparolen ("Trost und Hoffnung"), das ihm dann vielleicht die Illusion gibt, jedes Ref sei zu schaffen. Und wenn er dann am Ende völlig zerstört hier ankommt und sagt: "Durchgefallen!", was kriegt er dann zu hören? Das Übliche: Alle zerstochern seine Beiträge und suchen nach irgendwas, um dem Reffi zu erklären, dass es doch nur an ihm lag und schon seine Richtigkeit hatte.

Mal ehrlich: Was erhofft ihr euch davon, den Reffis auch hier etwa das gleiche "Du bist auf jeden Fall selbst schuld!"- Gerede um die Ohren zu hauen, das sie doch eh schon aus dem Seminar kennen?

Und ein verwandter Gedanke noch zum Schluss: Stellt euch mal, rein theoretisch vor, es gäbe wirklich einmal einen Referendar, bei dem unabhängig von der Leistung von Anfang an von Fachleiter und Mentor beschlossen ist, dass er durchzufallen hat, und er würde in jeder Rückmeldung grundlos runtergemacht. Und der würde hier ankommen. Was würdet ihr ihm sagen? "Typisch, alles auf FL und Schule schieben!" Und je weniger Probleme es tatsächlich gäbe und er selbst also überhaupt sehen könnte, desto mehr würde er zu hören bekommen: "Typisch, du siehst die Fehler bei dir selbst nur nicht! Keine Selbstreflexion! Nimm dir mal zu Herzen, was die FL sagen!" Und wenn er dann durchfallen würde: "Kein Wunder bei der Einstellung! So hat sich ein Referendar nicht zu verhalten!" Folglich würden also in einer solchen Situation Fachleiter und Mentor mit ihrer mutwilligen Fehlbewertung durchkommen. Und warum? Weil einem armen Reffi keiner glaubt. Und das Referendar-Forum macht da keine Ausnahme und stellt sich nicht gegen diesen Trend. Schade eigentlich.

PS: Wenn ihr jetzt meint, ich sehe das komplett falsch und das stimmt alles gar nicht, dann stelle ich mal die Selbstreflexion dieser Community in Frage! :mrgreen:
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Re: Ist das normal?

Beitragvon *Sissy* » 03.12.2017, 17:27:56

refsuxx hat geschrieben:

Und was bekommt der Reffi dann hier? Einerseits zum millionsten Mal Gerede von der "mangelnden Selbstreflexion" sowie dass er selbst nur dran schuld ist. Andererseits ein komplettes Unterforum mit Durchhalteparolen ("Trost und Hoffnung"), das ihm dann vielleicht die Illusion gibt, jedes Ref sei zu schaffen. Und wenn er dann am Ende völlig zerstört hier ankommt und sagt: "Durchgefallen!", was kriegt er dann zu hören? Das Übliche: Alle zerstochern seine Beiträge und suchen nach irgendwas, um dem Reffi zu erklären, dass es doch nur an ihm lag und schon seine Richtigkeit hatte.

Mal ehrlich: Was erhofft ihr euch davon, den Reffis auch hier etwa das gleiche "Du bist auf jeden Fall selbst schuld!"- Gerede um die Ohren zu hauen, das sie doch eh schon aus dem Seminar kennen?

Und was bringt es dem Durchgefallenen, wenn alle sagen, dass die anderen Schuld sind und nicht er selbst? Was sagst Du einem Schüler, der schlechte Noten hat? Dass Du als Lehrer da wohl versagt hast?

Ich glaube, dass man trotz schlechter Bedingungen ein einigermaßen gutes Examen hinlegen kann. Man muss sich den Bedingungen anpassen. Diese Fähigkeit ist wichtig für einen Lehrer. Ich hate auch sehr schlechte Bedingungen in meinem Ref. Kein begleiteter Unterricht, keine Beratung durch Mentoren, mehrere Klassenleitungen und und und (bin Quereinsteiger). Trotzdem hab ich es mit guten Noten geschafft. Ich kann doch nicht die anderen dafür verantwortlich machen. Es war zwar über die Maßen anstrengend, aber trotzdem bin ich doch selbst verantwortlich für den Erfolg meiner Ausbildung.
Schlechte Bedingungen heißt, dass der Ref selber mehr leisten muss. Geht alles. Wenn man will.Aber die Schuld bei anderen zu suchen, ist natürlich leichter.


Dass es FL geben soll, die von vornherein sagen: der fällt durch, glaube ich übrigens nie im Leben. Was hat er davon? Eigentlich müsste er doch daran interessiert sein, dass viele seiner betreuten Refs ein gutes Examen machen.
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Re: Ist das normal?

Beitragvon Jméno » 03.12.2017, 18:53:43

Ich kann deinen Gedankengang nachvollziehen – teile ihn aber nicht, weil ich eine Prämisse in Frage stellen möchte, nämlich folgende:

refsuxx hat geschrieben:Stellt euch vor, dass, sagen wir mal, 90% der Referendare ein echt gutes Ref haben. Gute Schule, nette betreuende Lehrer, einigermassen umgängliche Schüler, fairer Umgang durch die Lehrer, faire Bewertung, voranbringendes Feedback oder zumindest die meisten dieser Punkte. Und die restlichen, sagen wir, 10% haben diese guten Bedingungen einfach nicht.


Ich will mich gar nicht über Prozentzahlen oder dergleichen streiten. Und niemand streitet ab, dass es Probleme im Schulsystem gibt: Da sind Schulen mit problematischer Klientel, mit überforderter Schulleitung, einzelne menschlich hinterfotzige, unverlässliche oder auch unfähige Kollegen oder gar gleich ein gespaltenes Kollegium bzw. eines, das resigniert und aufgegeben hat. Es gibt Ausbilder, die fachlich und/oder menschlich nicht qualifiziert genug sind, es gibt Noten, die mehr auf Sympathie als auf Leistung beruhen. Es gibt überdies Umstände, die sich grundsätzlich falsch anfühlen. – In jedem Fall: Ja, möglich. Dass du auf mindestens eines dieser Phänomene triffst: Ja, sogar wahrscheinlich.

Aber: Wenn mir jemand erzählt, dass alle Mitreferendare, alle Kollegen, alle Ausbilder und der Mentor bzw., je nach System, beide Mentoren und das gesamte Schulumfeld schlecht sind, dann muss ich einfach die Rückfrage stellen, ob der Fehler nicht doch beim Referendar liegen könnte. Ich hab da die Statistik auf meiner Seite – und darüber hinaus meine eigene Erfahrung.

Ich hatte nämlich eine Fachausbilderin, mit der es menschlich so gar nicht lief, was sich auf die Noten auswirkte, ich hatte zwei Schulen, die beide grottig organisiert waren, beide an tief zerstrittenen, gespaltenen Kollegien litten, dabei war einmal der Schulleiter selbst Teil des Problems. Aber ich hatte eben auch eine zweite Fachausbilderin, die echt gut war, dazu mehrere andere Modulverantwortliche, die ebenfalls zwischen okay und großartig anzusiedeln waren, ich hatte zwei Mentoren, völlig unterschiedlich, aber jeder auf seine Weise genial; ich habe zwar das Leitbild meiner Ausbildungsschulen nicht geteilt, hatte aber jederzeit wirklich engagierte und verlässliche Schüler. Und warum? Weil in den aller-, allermeisten Fällen Dinge eben weder »nur weiß« noch »nur schwarz« sind. Wie gesagt: Statistik. Und Lebenserfahrung.
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Re: Ist das normal?

Beitragvon kecks » 03.12.2017, 19:12:31

den beitrag würde ich so unterschreiben.
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Re: Ist das normal?

Beitragvon tiger » 03.12.2017, 23:04:13

Die Litanei kennen wir doch bereits.

Und Konstellationen wie

refsuxx hat geschrieben:Stellt euch mal, rein theoretisch vor, es gäbe wirklich einmal einen Referendar, bei dem unabhängig von der Leistung von Anfang an von Fachleiter und Mentor beschlossen ist, dass er durchzufallen hat, und er würde in jeder Rückmeldung grundlos runtergemacht.


sind, wie du selbst schreibst, rein theoretisch denkbar, aber praktisch nicht. Damit würden die Ausbilder zum einen ihre Dienstpflicht verletzen, und zum anderen haben sie gar keinen Grund, einem Referendar so übel mitzuspielen. Cui bono?

Deswegen schließe auch ich mich Jméno an: Die "10%", von denen du sprichst, erinnern mich an den Falschfahrer auf der Autobahn, der sich über die entgegenkommenden Fahrzeuge wundert und sich fragt, warum so viele Falschfahrer unterwegs sind ...
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Re: Ist das normal?

Beitragvon Skeet1414 » 04.12.2017, 15:25:38

"Ausweglos" ist die Situation keinesfalls. Ich z.B. hatte in meiner Schule tatsächlich mit Bedingungen zu kämpfen, für die ich nichts konnte. Schnell wurde mir vom Seminar angeboten die Schule zu wechseln (was ich abgelehnt habe).
Wenn es tatsächlich so ist, das ALLE relevanten Instanzen "gegen einen arbeiten", dann vielleicht aus dem Grund, dass da jemand tatsächlich nicht geeignet ist? Es findet sehr viel mehr Abstimmung zwischen den Seminaren und Schulen statt, als der Threadsteller vielleicht denkt.
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